Als Willy Brandt noch Unkeler war

Unkel, Marktplatz„Alte Rotweinstadt“, so nennt Unkel (Rheinland-Pfalz) sich selbst am Eingang zur kleinen Fußgängerzone. Seit ein paar Monaten hat das 5.000-Einwohner-Städtchen am Rhein ein Alleinstellungsmerkmal, das wirklich etwas hermacht: das Willy-Brandt-Forum, ein Museum zum ehemaligen Bundeskanzler. Denn der wohnte von 1979 bis zu seinem Tod 1992 in Unkel.

Unkel, wo Wily Brandt einst wohnteUnkel, wo Wily Brandt einst wohnteBeim kleinen Zweckbau mitten am Marktplatz handelt es sich natürlich nicht um ein damaliges Wohnhaus Brandts (zunächst wohnte er in einem Loft in sehr zeittypischem Bonn-Bad Godesberger-Waschbeton-Stil, später dann in einem Haus in einer der ruhigen Seitenstraßen, von denen Unkel eine Menge zu bieten hat).

Unkel, Willy-Brandt-Museum, TresorraumVielmehr befindet das Brandt-Forum sich in einer ehemaligen Sparkassen-Filiale. Deshalb gibt es im Untergeschoss einen Tresorraum, in dem sich einige Tresorfächer öffnen lassen, worauf man dann gefilmte Erinnerungen (oder auch Nicht-Erinnerungen) von Unkeler Bürgern an Brandt sieht. Oder auch die Schere, mit der ein Unkeler Friseur dem damaligen Präsidenten der Sozialistischen Internationale die Haare schnitt.

Das Museum ist dennoch überhaupt nicht peinlich, weil es aus der Überfülle von Material, das aus noch nicht so lang vergangenen Jahrzehnten überliefert ist, einiges gut auswählt, sowohl persönliche Gegenstände als auch zeithistorische Audio-, Video- und Textclips. Und dadurch in unchronologischer Weise deutlich macht, was für eine gute Idee der einstigen Wählerinnen und Wähler es gewesen ist, zwischen dem NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger und dem Wehrmachts-Offizier Helmut Schmidt einen Deutschen, der während der Nazizeit emigriert war, zum Bundeskanzler gewählt zu haben.

Unkel, Wily Brandts ArbeitszimmerDas heute aus Guido-Knopp-Shows und anderen Zeitgeschichtsshows allerbekannteste Willy Brandt-Sample, der Kniefall vor dem Ghettoaufstand-Ehrenmal, kommt zum Beispiel nur in verfremdeter Form vor, als Replikat der Kniefall-Plakette vom heutigen Warschauer Willy-Brandt-Platz oder auf dem „Spiegel“-Titel „Durfte Brandt knieen?“ aus dem Jahr 1970.

Im Keller neben dem Tresorraum zeigt eine kleine Galerie wenige, dafür umso wirkungsvollere Fotos und Gemälde. Da hängt kein Andy Warhol-Werk, bloß ist zu sehen, wie Warhol Brandt 1976 fotografierte. Kaum zu glauben inzwischen, wie ikonisch Bundeskanzler bzw. ehemalige Bundeskanzler einst wirken konnten. Was allerdings auf Konrad Adenauer jeweils auch zutrifft. Da der sich in der Nazizeit auch einmal kurz in Unkel aufgehalten hatte, hängen auch Fotos von ihm dort. Im Vergleich zu Adenauers lange schon ebenfalls als Museum ebenfalls hergerichteten Wohnhaus im nahen Rhöndorf ist das Brandt-Forum jedoch das erheblich coolere Museum.

Unkel, am RheinUnkel, GefängnisturmAnsonsten hat Unkel in angenehm bescheidener Form bekannte Rhein-Romantik zu bieten, eine Menge Gassen mit Fachwerkhäusern und einen früher zeitweise als Gefängnis benutzten Stadtmauerturm, der sich manchmal besichtigen lässt. Sowie eine Rheinpromenade mit so vielen Bäumen, dass man auch bei Regen nicht nass wird.

Erpel, Brückenkopf am RheinHinter Unkel rheinaufwärts liegt dann ein Ort mit dem ähnlich anheimelnden Namen Erpel. Dort steht ein inzwischen fast pechschwarz patiniertes Bauwerk, das ein Brückenkopf der im Ersten Weltkrieg errichteten, im Zweiten zerstörten Brücke von Remagen (das also linksrheinisch gegenüber liegt) war. Dazu folgt später einmal mehr hier.

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2 Kommentare zu Als Willy Brandt noch Unkeler war

  1. Ingmar sagt:

    Also, wenn man das hier sieht:

    http://www.youtube.com/watch?v=G21WTBTvs2M

    http://marketing.hamburg.de/Die-Hamburg-WG.1666.0.html

    dann ist es wirkich ueberallbesser als in Hamburg oder Berlin. Die „spektakuläre“ , internationale (immerhin sind zwei Österreicher dabei) Kampagne läuft nur noch bis Sonntag. Kann man sich noch bewerben. Muss man aber nicht…

  2. Good article. Very well written

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