Die Tauben sind müde (Aachen)

Aachen, RathausDas kürzlich wiedereröffnete Internationale Zeitungsmuseum in Aachen, in der Pontstraße gleich hinter dem (durch seine Verwittertheit faszinierenden) Rathaus, hat sich ein gewaltiges Themenfeld vorgeknöpft. Es möchte nicht allein über das Nachrichtenwesen „von der Steinzeit bis in die Gegenwart“ informieren – also sowohl über die lange Geschichte der Zeitung (und alles, was damit zu tun hat, das Drucken, das Papier, Zensur und Journalistenethos…) als auch über die ebenfalls bereits älteren Geschichten neuerer Medien wie Radio und Fernsehen. Überdies will es die schwierige Gegenwart des alten Mediums Zeitung sowie seine Zukunft behandeln.

Aachen, IZMDazu gibt es zahlreiche betouchbare Bildschirme, die „zum Verweilen laden“, wie die Besucherzeitung schreibt. Auf denen kann man sich vieles angucken und durchlesen, was man sich teils parallel auch vorlesen lassen kann. In einem alten Fernsehgerät erzählt auf Knopfdruck eine Fernsehansagerin fünf Minuten lang von der Geschichte des Fernsehens. Undsoweiter. Einige Bildschirme befinden sich in gewaltigen Schubladen, deren Mehrzahl allerdings die eigentlichen Exponate des Zeitungsmuseums beherbergt – also alte Zeitungen aus dem 17. Jahrhundert, ältere Vorgänger (anhand derer sich überlegen lässt, warum sie noch keine Zeitungen waren) und aufschlussreiche Kuriosa. Nur zum Beispiel: eine Ausgabe der immer noch bestehenden und (obwohl heute von Rupert Murdoch besessenen) ehrwürdigen Londoner „Times“ aus dem Jahre 1815. In der taucht die damals gerade aktuelle Schlacht von Waterloo erst weiter hinten im Blatt auf, weil die Titelseite seinerzeit zum Abdruck von Kleinanzeigen genutzt wurde.

Aachen, im IZMSo weit, so interessant. Bloß stehen für das irrwitzige Pensum, das das Museum umspannen will, fünf eher kleine Räume zur Verfügung. Sogar so klein sind sie, dass man die gewaltigen Schubladen mit den Zeitungen drin eigentlich nur dann guten Gewissens aufziehen kann, wenn sich höchstens noch zwei weitere Besucher im selben Raum befinden. Und weil Aachen selbst geradezu brummt vor Touristen und das Zeitungsmuseum aus auch nicht unmittelbar einleuchtenden Gründen der „Route Charlemagne“, also der allgemeinen Karl-der-Große-Tourismusmeile zugeschlagen wurde, war es zumindest bei meinem Besuch ziemlich voll.

IZM [Copyright: Stadt Aachen, Peter Hinschläger]Stolz sind die Ausstellungsmacher auf eine digitale, interaktive Weltkarte, auf der sich „Zeitungen aus (fast) allen Ländern der Welt abrufen“ lassen. Das kann faszinieren. Aber wer sich ein wenig mit dem Internet auskennt und z.B. schon einmal auf newseum.org gestoßen ist (circa: „788 front pages from 83 countries“), den haut das nicht um. Sicher ist so etwas nettes Bonusmaterial für Menschen, die im Alltag vielleicht sinnvollere Dinge anstellen als herumzusurfen und gerade die Faszination des Mediums Zeitung entdeckt haben. Aber Grund, ein beengtes Museum zu besuchen, ist es nicht. Und die Faszination des Mediums Zeitung bleibt einem in Aachen leider fremd.

Viel Platz gestattet sich das Internationale Zeitungsmuseum dann am Ende, wenn „namhafte Medienvertreter“ wie „Bild“-Zeitungs-Chefredakteur Kai Diekmann (aber auch Heribert Prantl von der „Süddeutschen“) „Statements zur Medienwelt der Zukunft“ sowie „Anstöße für eigene Diskussionen“ geben. Das tun sie auf fünf Bildschirmen zugleich: auf einem äußern sie sich per Video, einer zeigt die ihnen gestellte Frage als Text, drei weitere zeigen Übersetzungen ihrer Antworten ins Englische, Französische und Niederländische an.

Insofern macht das IZM zwar nicht in den Details, aber als Ganzes kongenial das Problem deutlich, vor dem gedruckte Papier-Zeitungen schon jetzt stehen: Wenn sich alle Inhalte via Internet bequem zuhause oder sonstwo abrufen lassen, werden physische Trägermedien überflüssig. Darunter auch Gebäude.

Aachen, TaubenSchade, dass das enorme Archiv, das einer hübschen Legende zufolge enstand, als Oskar von Forckenbeck 1854 „in den Grachten von Groningen“ die Erkenntnis kam, „dass Zeitungen entschieden zu schade seien, um als Fischeinwickelpapier zu dienen“, in der aktuellen Form des Museums kaum zur Geltung kommt. Immerhin schreibt die lustige Besucherzeitung (auf deren letzter Seite ein Kreuzworträtsel zum Zeittotschlagen Gehirntraining einlädt, während auf der drittletzten Uli Wickert als einer von fünf „Menschen, die den Journalismus prägten“ mit der Erste-Hand-Info „Der deutsche Journalismus gehört mit zum besten der Welt“ aus irgendeinem Zusammenhang gerissen wird erfreut…), dass das IZM an der Digitalisierung arbeitet. So seien „weit über 200.000 Zeitungen aus fünf Jahrhunderten und Kontinenten … demnächst auch über dessen Homepage verfügbar“. Vielleicht kann das IZM dann auf der anderen Seite dieses Dilemmas punkten und, wenn schon nicht zum physischen, demnächst zum virtuellen Verweilen einladen. Das hätte Aachen doch verdient, schon weil in derselben Pontstraße anno 1850 Paul Julius Reuter die, wenn man so will: noch immer existierende, gleichnamige Nachrichtenagentur gründete (seinerzeit als komplett analogen Brieftaubendienst, was William Dieterles Spielfilm „A Dispatch from Reuter’s“ von 1940 ganz eigentümlich faszinierend zeigt).

Aachen, DomDas Symbolfoto im vorigen Absatz zeigt Tauben der Gegenwart, die vermutlich keine Brieftauben sind, jedoch im Juli in Aachen verweilten. Um jetzt noch dem Titel dieses Blogs Genüge zu tun: Kommt man nach Aachen, ist es besser als im IZM dann doch im Aachener Dom, der alles, was man von einem Weltkulturerbe erwartet, auch bietet. Oder im schön verwitterten Rathaus, welches das Foto oben zeigt.

Dieser Beitrag wurde unter Orte abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.