Rekordmausoleum (Bückeburg)

Bückeburg, SchlossRüdiger Safranskis Buch „Romantik/ Eine deutsche Affäre“ beginnt ziemlich fulminant damit, dass Johann Gottfried Herder anno 1769 in Riga in See sticht. Auf der stürmischen Ostsee kommen ihm lauter großartige Gedanken, die er bald darauf in Straßburg an Goethe weitergibt. Damit nehmen wichtige geistesgeschichtliche Entwicklungen, nimmt die Romantik ihren Lauf. Herder kommt dann im Buch nicht mehr groß vor.

Bückeburg, SchlosstorWas Herder nach diesem Aufenthalt in Straßburg tat, erwähnt Richard Friedenthal in seinem 1963 erstmals erschienenen, dennoch weiter lesenwertem Buch über Goethe:

„Auch ein Herder, mittelloser Kantorensohn, muss leben, sich eine Stellung suchen; den Stand des freien Schriftstellers gibt es noch nicht, selbst der gewaltige ‚Eroberer‘ Lessing, eine europäische Berühmtheit, hat den Versuch aufgeben müssen und ist soeben als Bibliothekar in Wolfenbüttel beim Erbprinzen von Braunschweig untergekommen. Ein anderer Kleinfürst, Graf zur Lippe, hat Herder in seine Hauptstadt Bückeburg berufen. … Da kann der Mann, der Osten und Westen in seinen Gedanken überspannte, nun… als Konsistorialrat seinen Forschungen über die ältesten Urkunden des Menschengeschlechts nachgehen, unter Bauern in alter Tracht, die noch die Rinder auf der Dönse ihres breiten Hauses halten… Ein Ländchen mit nicht viel mehr Einwohnern als die Stadt Straßburg; unzufrieden wird er dort fünf Jahre zubringen…“

Bückeburg, SchlossHeute ist dieses Bückeburg (Niedersachsen) auf seinen u.a. durch den Herder-Aufenthalt erlangten „festen Platz in der deutschen Geistesgeschichte“ natürlich stolz. Stolzer freilich ist die Stadt auf das Residenzschloss, das von hinten (Foto oben) deutlich interessanter aussieht als von vorn. Von vorn sieht es dafür ähnlich prunkvoll aus wie das goldumrahmte Prospektmaterial und auch der Internetauftritt des Schlosses.

Es gehört weiterhin der fürstlichen Familie Schaumburg-Lippe, die bis 1918 das gleichnamige Fürstentum, den zweitkleinsten Bestandteil des wilhelminischen Kaiserreichs, regierte. Ihre Mitglieder werden noch heute „SHD“ genannt, nehmen den Adel weiterhin sehr ernst (wie sich ebenfalls dem Internet entnehmen lässt) und betreiben über die Fürstliche Schlossverwaltung Bückeburg den gediegenen Shop fuerst-schaumburg.de auch online. Obwohl die Dynastie das Schloss weiterhin bewohnt, kann man es im Rahmen von Führungen besichtigen.

Viel Hoffnung, einer Durchlaucht im Schlafgemach ähnlich zu begegnen, so wie einst bei Loriot dem bayrischen König Ludwig II. im Schloss Neuschwanstein (derzeit leider nicht bei Youtube), gibt’s in Bückeburg allerdings nicht. Stattdessen reihte bei meinem Besuch vor kurzem eine Schlossführerin in bezaubernder niedersächsischer Sprödigkeit (wobei erwähnt werden muss, dass die Schaumburg-Lipper noch 1975 in einer Volksabstimmung gern wieder ein eigenes Bundesland bilden anstatt weiter Niedersachsen sein wollten) eine Anekdote an die andere. Zum Beispiel, wie schnell früher Kronleuchterkerzen herunterbrannten; zum Beispiel, was frühere Regenten des Ländchens für die Einführung von Schulpflicht und Wehrpflicht, Schokolade und U-Booten so getan hatten.

Bückeburg, HofreitschuleBückeburg, PferdeSchöner als das Schloss ist der Schlosspark, in dem man womöglich „majestätischen Barockhengsten“ aus der Hofreitschule auf einer Wiese begegnet (womöglich sind’s auch bürgerliche Pferde, keine Ahnung). Am Ende des Parks wartet ein Superlativ, den Bückeburg jedenfalls besitzt: Das Mausoleum im Schlosspark sei „das größte seiner Art in Europa“, heißt es bei der Führung. Welcher Art genau, ließ sich bei meinem Besuch nicht klären. Im goldumrahmten Prospektmaterial  heißt es: „das größte private Mausoleum der Welt“ bzw. das mit der „größten Goldmosaikkuppel Europas (500 m²)“. Jedenfalls dürfte dieser Rekord Bückeburg erhalten bleiben, so viele Mausoleen entstehen in Europa ja nicht mehr neu.

Bückeburg, MausoleumJedenfalls steht das Mausoleum vor einer Art Hundewiese und erinnert auf die ersten Blicke ein wenig an Bauten der 1930er Jahre. Tatsächlich aber wurde es vom letzten regierenden Grafen Adolf II. (Regieren tun die heutigen SHDs selbstverständlich nicht mehr…) noch in den 1910er Jahren errichtet. Zu Ehren dieses Adolf II., der 1918 seinem Thron entsagte und 1936 bei einem Flugzeugunglück in Mexiko starb, muss aber noch unbedingt gesagt werden, dass er jedenfalls nicht mit den Nazis sympathisierte, sondern vermutlich „ein Opfer des NS-Regimes“ (vgl. Archivalia, wo es dann schnell sehr kompliziert wird…) war.

Dass Bückeburg in der jeweils populären Kultur des 20. Jahrhunderts von Anfang (Hermann Löns‘ Satire „Duodez“, ca. 1909) bis Ende (Die Ärzte, „Straight outta Bückeburg“, 1996: Text, Musik) als Inbegriff von Kleinstaat bzw. Kleinstaat galt, woran sich im 21. noch nicht ungeheuer viel geändert haben dürfte, spricht jedenfalls nicht gegen einen kurzen Besuch.

Bückeburg, Mausoleum

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3 Kommentare zu Rekordmausoleum (Bückeburg)

  1. Ingmar sagt:

    Wie ernst Herr Alexander das Thema nimmt, steht auch in der neuen GQ, dem Magazin für Adelige. Oder auch hier http://www.comtemontfort.com/pressemitteilungen-aktuelles/

  2. Rainer Pauly sagt:

    Guten Tag,
    nun ja … die angegebene Internetadresse ist derzeit wohl eher Gegenstand großen Lachens – (comtemontfort.com) die damit verbunden Personen fallen eher wohl und Möchtegern-Adel, was im krassen Gegensatz zu den hier beschriebenen Adelspersonen steht.
    Hierzu gäbe es viel zu erzählen ….. Bei Interesse bin ich gerne bereit, hierzu noch etwas zu schreiben.

    Mit freundlichen Grüssen
    Rainer Pauly

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