Supersymbolcharakter (Weißenfels)

Weißenfels, Schloss Neu-AugustusburgWenn samstagnachmittags nach dem Ladenschluss der nahen Fußgängerzone auf dem Marktplatz plötzlich Schritte hallen, kann man schon mal leicht erschrecken. Ein ungeheuer lebhafter Ort ist Weißenfels an der Saale (Sachsen-Anhalt) nicht. Dafür besitzt es ein großartiges Symbol, vielleicht sogar für Deutschland. Man sieht es beim Durchfahren mit dem Zug auf einem Hügel über der Stadt liegen:

Weißenfels, Schloss Neu-Augustusburgdas dreiflügelige Schloss namens Neu-Augustusburg. Der eine, Stadt und Bahnhof zugewandte Flügel ist so hübsch restauriert ist wie vieles in ehemaligen DDR-Städtchen. Der gegenüberliegende Flügel verfällt ebenso konsequent. Und im Mittelteil ist inzwischen mehr als die Hälfte restauriert. Am hübschgemachten Flügel erinnern Namensschilder an große Persönlichkeiten, die zumindest mal kurz hier wirkten und deren Namen theoretisch Kulturtouristen aus aller Welt herbeilocken könnten; in der eindrucksvollen Schlosskirche, die Mitarbeiter des Schlossmuseums einem aufschließen, wenn man darum bittet, soll Georg Friedrich Händel, anderswo Objekt gut besuchter Klassik-Festspiele, als Sechsjähriger beim Orgelspielen entdeckt worden sein. Am anderen Flügel wird an etwas leider ähnlich typisch Deutsches erinnert: Während der Nazizeit diente das Schloss als Gestapo-Gefängnis. Davor hatte es als preußische Kaserne gedient (und wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs, obwohl es kurz darauf in der DDR lag, von amerikanischen Truppen beschossen, wie man an manchen Stellen gut sieht).

Weißenfels, SchlosskircheNoch früher hatte es natürlich auch einmal als Residenz gedient. Nicht ganz ein Jahrhundert lang, bis 1746, war Weißenfels Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Weißenfels. Diese Epoche schildert äußerst ausführlich das Museum, als das Teile des hübschgemachten Schlossflügels heute dienen. Andere Teile dienen offenbar zu nichts; das Schloss ist wie viele anderen Fürstenschlösser in kleinen Städten aber auch arg groß. Im Wissen, dass die vergleichsweise große Zeit des kleines Ortes kulturhistorisch betrachtet endete, als im 18. Jahrhundert die lokale Fürstendynastie ausstarb, fühlt dieses Museum vielleicht ein wenig sehr mit jenen lokalen Fürsten mit, die sich dort einst um möglichst standesgemäße Barock-Hofhaltung mühten.

Weißenfels, Novalis-HausWie zum Ausgleich befindet sich nebenan ein aus der DDR-Ära stammendes Schuhmuseum, das auch Zusammenhänge zwischen Leder- und Schuhindustrie und dem deutschen Imperalismus aufzeigen möchte. An die (nicht soo lang zurückliegende) Zeit, in der Weißenfels tatsächlich ein Zentrum solcher Industrien war, erinnert noch das Industriegebäude , das man beim Durchfahren auf der anderen Seite des Bahnhofs pittoresk zerfallen sieht. Bei Sonnenschein glitzern die zerbrochenen Fensterscheiben.

Unterhalb des Schlosses liegen noch mehrere Museen. Das Gustav-Adolf-Museum, das an den in der Nähe im Dreißigjährigen Krieg getöteten, dann hier aufgebahrten schwedischen König erinnert, ist an ein Irish Pub angeschlossen und hat daher ungewöhnliche Öffnungszeiten. Es enthält ein in den frühen 1930er Jahren errichtetes Zinnsoldaten-Diorama. Das Novalis-Haus, in dem 1801 der Dichter der Romantik starb (von dem u.v.a. die schöne Zeile „Der Reiz der Neuheit liegt nur in den Variationen des Ausdrucks“ stammt), dient außer als Museum auch als Stadtbibliothek und Gewerbeamt. Ein dem noch älteren Komponisten Heinrich Schütz gewidmetes Museum gibt’s überdies.

Wenn Weißenfels nicht an leider allerhand Ecken einen sehr verlassenen Eindruck machen würde, könnte sogar dieses Kulturstädtchen insgesamt das ganze Land symbolisieren.

Weißenfels, am Bahnhof

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