Widersprüchestadt (Suhl)

Suhl, CCS

„Zu den Fixpunkten unserer Wunschtopografie gehörten unter anderem eine große Autobahnbrücke, viel Wald, eine gewisse Relief-Energie (also Berge) usw. Über die Suche nach geeigneten Autobahnbrücken sind wir letztlich nach Suhl gekommen. Und Suhl empfand ich wirklich als Geschenk, gerade weil die Stadt alles andere als gefällig ist, weil es ein Ort ist, an dem viele Widersprüche deutscher Geschichte aufbewahrt sind.“

Suhl, Thüringer WaldDas sagt der Regisseur Christoph Hochhäusler in einem Interview des Pressehefts zum Filmprojekt „DreiLeben“, das am 29. August beinahe ununterbrochen von 20.15 bis 1.00 Uhr im ARD-Programm gesendet werden wird. Es handelt sich um ein interessantes Konstrukt aus drei Fernsehfilmen von drei renommierten deutschen Arthouse-Regisseuren, die aus drei unterschiedlichen Genres stammen und lediglich ein bisschen zusammenhängen. Allerdings fand ich (und nicht nur ich) das Ergebnis angesichts der vielversprechenden Ausgangsidee leider enttäuschend, als die Filme im Februar schon auf der Berlinale liefen. Jedenfalls sind sie zu einem großen Teil in Suhl (Thüringen) entstanden.

„Thüringen ist so gut wie unbekannt, es besitzt eine der verzaubertsten Landschaften, die wir in Deutschland haben: Märchen, Waldgeister, Wintersport, Gottseidank noch wunderschöne DDR-Bautraditionen hier und dort“,
sagt im oben erwähnten Interview Dominik Graf, der Regisseur des mittleren Films. (Der dritte, mit dessen Film die Reihe beginnt, ist Christian Petzold).

SuhlTatsächlich ist vor allem die Komödie charmant, die Graf, nicht gerade ein Komödienspezialist, aus dem eigentlich düsteren Sujet gemacht hat. Dort kommen die vielen schönen villenartigen Häuser in sonniger Hanglage, die es in Suhl tatsächlich gibt, zur Geltung. Generell sind die Landschaftsaufnahmen eindrucksvoll. Also nicht so schön wie in all den vielen deutschen Fernsehfilmen, die statt im Thüringer Wald in Schweden oder Cornwall oder Südafrika gedreht werden, allerdings, sondern düsterer. Das hängt natürlich mit dem zentralen roten Faden der „DreiLeben“-Filme zusammen: dass Stefan Kurt in der Rolle eines entsprungenen, äußerst gruseligen Mörders durch diese Wälder geistert.

Suhl, MarktplatzSuhl, KreuzkircheIn Wahrheit sind die Wälder um Suhl auf hohen Bergen doch schön (und man begegnet auch keineswegs Wanderern, die das in Suhl als äußerst bekannt vorausgesetzte „Rennsteiglied“ schmettern). Die Stadt selbst ist bloß so gruselig wie jede andere auch. Das Nebeneinander von restauriertem Bunt-Barock und Verfall, von DDR-Nachkriegs- und westlicherer Nachwende-Shoppingarchtitektur (sowie von „gesamtdeutscher Verwaltungsarchitektur“, wie die Broschüre „Historischer Stadtrundgang durch die Suhler Innenstadt“ es mit Recht nennt), gibt es ja überall und nicht bloß im deutschen Osten.

Suhl, WaffenmuseumWas etwas gruselig klingt: dass in der „Waffenstadt Suhl“ (deren offizieller Internetauftritt übrigens suhltrifft.de heißt) „die weltweit einmalige Verbindung von Traditionspflege, Handwerkskunst und moderner Waffenproduktion,… Schießsport- und Freizeitangeboten .. mehr denn je die Suhler Lebensart und -qualität“ bestimmen. Das postuliert eine andere Broschüre, die anno 1996 in 3000 Exemplaren gedruckt wurde und zumindest im Mai 2011 noch für 1-, Euro im Suhler Waffenmuseum erhältlich war. Im Alltag fällt diese Lebensart allerdings nicht negativ auf. Bloß hockt vor dem Fachwerkhaus, in dem das Museum sich befindet, ein gemütlicher Schützenbruder, der sein Gewehr immerhin nicht auf Passanten richtet. Das interessante Museum zeigt, dass in Suhl schon seit dem 14. Jahrhundert industriell Schusswaffen hergestellt wurden (wie eine „Suhl Arms Alliance“ es tatsächlich auch in der globalisierten Gegenwart fortführt). Mitunter geschah das für alle Seiten gerade laufender Kriege (z.B. im siebenjährigen Krieg für die Preußen, die gegen Sachsen, zu dem Suhl gehörte kämpften), was also absolut modern ist. Dass in Friedensjahren in Suhl bittere Not herrschte, wird auch einmal erwähnt; sozusagen zum Glück für Suhl gab es in früheren Jahrhunderten ja selten viele Friedensjahre in Folge. Den Umkehrschluss braucht man in der aber wohl nicht zu ziehen, auch wenn Suhl zurzeit um seine Einwohnerzahl kämpft (um nicht, wenn es zuwenige werden, einem benachbarten Landkreis zugeschlagen zu werden). Schon weil Suhl seit 1991 auch noch offizielle Stadt des Friedens ist

Das einzige, was in der Tat etwas gruselig wirkt, ist die Fußgängerunterführung, durch die man vom Bahnhof in die Innenstadt gehen soll. Aber zumindest am Abend braucht man sie auch nicht zu durchqueren. Denn so viel Autoverkehr, wie beim Bau der Straßen wohl angenommen wurde, herrscht selten in Suhl.

Suhl, Fußgängerunterführung

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Ein Kommentar zu Widersprüchestadt (Suhl)

  1. Joachim sagt:

    Natürlich kann Suhl nicht mit anderen deutschen Städten mithalten,wenn es um architektonische Schönheiten geht,dazu ist die Stadt seit Jahrhunderten viel zu bodenständig geblieben.Die Bausünden aus DDR-Zeiten sind leider ein Makel das uns noch mindestens zwei Generationen lang beschäftigen wird.
    Trotz alledem hat Suhl etwas an sich das nur ein geborener Suhler verstehen kann,es lässt sich schwer sagen,ich zum beispiel lebe schon 30 Jahre nicht mehr in Suhl,aber jedes mal wenn ich zu Besuch nach Suhl komme überfällt mich unglaubliches Heimweh nach dieser „schmutzigen,grauen alten Stadt“. Eins steht für mich heute schon felsenfest sobald ich mein Rentenalter erreicht habe werde ich nach Hause zurückkehren,denn der Rennsteig ruft schon immer lauter nach mir.
    PS.:muss leider noch 12 Jahre arbeiten.

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