Ältere Herren auf Kanonenkugeln (Bodenwerder)

Bodenwerder, Münchhausen-Brunnen in der Fußgängerzone

Kanonenkugeln werden in Bodenwerder so einige beritten. Schließlich möchte das niedersächsische Weserstädtchen Touristen mit Hilfe des als Lügenbaron global bekannten Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen anziehen – und tut es auch. Das Münchhausen-Museum hat, obwohl nur von März bis Oktober geöffnet, nach eigenen Angaben gut 20.000 Besucher im Jahr.

Bodenwerder, Münchhausen-Werbung Bodenwerder, mehr Münchhausen-WerbungEs liegt am Rande der ursprünglichen Innenstadt, die sich sehr genau verorten lässt, weil Bodenwerder noch bis vor wenigen Jahrzehnten eine Insel war. Zur Landstadt wurde es erst um 1950, wohl weniger als bewusste Entscheidung (obwohl Hochwasser zuvor für erhebliche Probleme sorgte, so wie andererseits die Insellage Schutz vor Angriffen bot), sondern im Zusammenhang mit der Bau der Edertalsperre. Reste des damals trockengelegten Weserarms sind südlich der Stadt noch zu sehen. Ein heute efeu-umflort am anderen Rand der Innenstadt stehender Turm war seinerzeit Teil des einzigen Stadttores, durch das Bodenwerder in seinen Inselzeiten zu betreten war.

Bodenwerder, achtbeiniger Hase im Münchhausen-MuseumDas Museumsgebäude gehörte wie das Rathaus nebenan zum Gutshof der umtriebigen Sippe der Münchhausens. Mit den Bürgern der Stadt auf der beengten Insel lieferten sie sich gut dokumentierte Streitigkeiten (etwa über den Bau einer weiteren, Münchhausenschen Weserbrücke, den die Stadt verhinderte). Ein Hintergrund: Im 18. Jahrhundert florierte der Ort nicht besonders, aus im damaligen Heiligen Römischen Reich verbreiteten Gründen: Während Bodenwerder seit 1521 als Exklave Teil des Kurfürstentums Hannover bzw. von dessen Vorgängerstaaten war, gehörte das Umland zum Herzogtum Braunschweig.

Bodenwerder, ehemaliges Stadttor, nun mit Efeu bewachsenWelche konkreten Folgen das hatte, steht im schönen Buch „Vom Jägerlatein zum Weltbeststseller“ der früheren Museumsleiterin Thekla Gehrmann (Vita/ PDF): „Die Schlagbäume des Wolfenbütteler Herzogs lagen allerseits vor den Toren der Stadt. Zölle wurden erhoben, Wegerechte beschnitten und Grenzstreitigkeiten waren an der Tagesordnung“.

Das Museum beherbergt im zweiten Geschoss eine Alles-Mögliche-Heimatsammlung, in dem bereits die Uniform des letzten hauptamtlichen Försters von Bodenwerder aus den 1950er Jahren  zu den auffälligeren Attraktionen gehört. Im Stockwerk darunter beherbergt jedoch es eine so kleine wie feine Münchhausen-Ausstellung.

Bodenwerder, Münchhausen-Grotte, in der der Freiherr einst erzählteZum Beispiel ist aus dem Fenster die  „Grotte“ zu sehen, die der 1720 in Bodenwerder geborene und 1797 dort gestorbene Freiherr aus Freude über das Ende des siebenjährigen Krieges gebaut hatte. Tatsächlich handelt es sich eher um ein  turmartiges, chinoises Gartenhäuschen als um eine Grotte. Darin soll Karl Friedrich Hieronymus einst mit Gästen beim Punsch gesessen und zur Meerschaumpfeife von seinen Erlebnissen in der russischen Armee erzählt haben. War Getränkenachschub nötig, habe er Bedienstete aus dem Gut mit einer Flüstertüte herbeigerufen, die jetzt im Museum ausgestellt ist. Das erzählen zumindest die Damen im Museum hingebungsvoll (und vielleicht, was die Originalität der musealen Flüstertüte betrifft, auch ein wenig münchhausenhaft).

Bodenwerder, Münchhausen-Grotte auf Gemälde im Museum und aus dem FensterFein ist das Museum vor allem, weil es sowohl die komplexe  Überlieferungsgeschichte der Münchhausen-Story andeutet als auch die Schicksale der Beteiligten. Nach Russland gelangt war der originale Freiherr etwa als Page des braunschweigischen Herzogssohns Anton Ulrich, der wiederum als Gatte einer russischen Zarinnennichte dort eine große Karriere erhoffte (jedoch vergebens, seine Karriere führte bloß in die Gegend von Archangelsk in die Verbannung…). Münchhausen dagegen machte über zehn Jahre lang Karriere in der russischen Armee, bevor er an die Weser heimkehrte.

Dort verwaltete er seine Güter, zankte mit den Bodenwerderern und reiste manchmal ins nahe Göttingen, wo sein Verwandter Gerlach von Münchhausen (exakt: ein Cousin 2. Grades des Vaters) die Universität gegründet hatte und als Kurator leitete. Auch dort muss der Freiherr von seinen mehr oder minder wahren Erlebnissen berichtet haben. So scheinen sich seine lebhaften Erzählungen einerseits viral verbreitet zu haben, wie man heute sagen würde, andererseits über in Göttingen versammelte Literaten.

Bodenwerder, Rudolf Erich Raspes Vita im Münchhausen-Museum

Raspes Vita – zum Vergrößern bitte anklicken

Zumindest haben gleich zwei von ihnen Münchhausens Geschichten aufgeschrieben und ausgeschmückt. Zwar ist wohl immer noch strittig, ob die in den frühen 1780ern in einer Zeitschrift mit dem schönen Titel „Vade Mecum für lustige Leute“ erschienenen „M-h-s-nschen Geschichten“ der umtriebige Universalgelehrte und Tausendsassa Rudolf Erich Raspe geschrieben hat. Jedenfalls musste er, der es vermutlich auch selbst nicht mit allen Wahrheiten ganz genau nahm, wegen des Verdachts von Unterschlagungen der fürstlichen Münzsammlung von Hessen-Kassel ins britische Königreich fliehen (das damals per Personalunion mit dem Kurfürstentum Hannover verbunden war). Dort hat Raspe 1785 „Baron Munchausen’s Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia“ veröffentlicht – das erste Buch mit dem Freiherrn im Titel. 1786 erschien auf deutsch (in Göttingen, jedoch mit London als angeblichem Druckort) Gotttfried August Bürgers Münchhausen-Buch. Dieser Göttinger Literat hat die englischsprachigen Geschichten nicht nur (rück-)übersetzt, sondern auch mit weiteren, darunter den in Deutschland längst bekanntesten ergänzt, etwa dem Am-eigenen-Schopf-aus-dem-Sumpf-Ziehen und dem Ritt auf der Kanonenkugel.

Dass die Münchhausen-Entstehungsgeschichte noch längst nicht zuende erforscht ist, zeigt der Rochus Graf zu Lynar-Strang, mit dem die Wikipedia zurzeit in die literarische Verarbeitung einsteigt. Ein NDR-Arte-Dokudrama von 2013, in dem Ben Becker gar nicht übel als Münchhausen-Darsteller performte (Webseite; wer den Film bei Youtube sucht, dürfte ihn dort auch finden), überraschte u.a. mit der Aussage, dass der echte Freiherr in seinen russischen Jahren in überhaupt keinen Krieg gezogen sein soll. Von der laufenden Forschung ist im Bodenwerderer Museum natürlich kaum die Rede. Aber die Schicksale der drei Original-Erzähler scheinen durch: Die Bodenwerderer Celebrity bekam noch zu Lebzeiten mit, dass in den erfolgreichen, anonym erschienenen Büchern ihr Name als einziger explizit genannt wurde. Leicht hatte es Karl Friedrich Hieronymus in Bodenwerder sowieso nicht, da er als 74-Jähriger auf die Idee verfiel, nach dem Tod seiner ersten Frau eine 20jährige zu heiraten. Bald darauf litt er unter einem langwierigen Scheidungsprozess, in dem ihm das „Lügenbaron“-Attribut wohl bereits um die Ohren gehauen wurde. Münchhausen starb 1797 „vereinsamt“, wie es im Museum heißt, auf dem Gut, dessen Besitzrechte er verloren hatte. Dass er als einer von nicht ungeheuer vielen deutschen Sympathieträgern in die Weltliteratur eingehen würde, ahnte er vermutlich nicht. Vielleicht hatte er aber erkannt, dass die ersten Veröffentlichungen bissige Satire auf den Adel enthielten, was seinerzeit (als gerade auch die französische Revolution lief), auch brisant war.

Bodenwerder, Münchhausen-Museum mit Rest der einstigen StadtmauerDer Tausendsassa Raspe, der sowohl dadurch, dass er den Stoff früh in die damalige und erst recht heutige Weltsprache Englisch eingespeist hatte, als auch als allererster Münchhausen-Illustrator viel zum Erfolg beigetragen hat, starb „heimatlos und verarmt“ in Irland. Dorthin scheint er mehr oder weniger weitergeflohen zu sein. Und Bürgers Leben ist sowieso ein Drama. Ob er heute noch am ehesten wegen seines „Münchhausen“ oder als Verfasser der ersten deutschen Ballade namens „Lenore“ bekannt ist, eher weil Friedrich Schiller ihn spektakulär gedisst hatte (mit Sätzen wie „Hr. B. vermischt sich nicht selten mit dem Volk, zu dem er sich nur herablassen sollte…“), wegen seiner in den Dörfern südlich von Göttingen ungern gesehenen „Ehe zu dritt“, oder eigentlich gar nicht mehr – darüber könnten Literaturwissenschaftler streiten. Jedenfalls „starb Bürger einsam in einem Gartenhäuschen in Göttingen“ (Literaturatlas Niedersachsen).

Gemeinsam haben sie einen, auch wenn das ein fruchtbar strapaziertes Wort ist: Mythos geschaffen. Schließlich dürfte relativ weltweit jeder, der einen älteren Herren, gar nicht unbedingt einmal mit Barock-Perücke,  eine Kanonenkugel bereiten sieht, sofort auf Münch- bzw. Munchausen kommen. Um zu sehen, dass etwas mit solch enormer Nachwirkung auch von einem recht unscheinbaren Ort ausgehen kann, und dass die, die es zustandebringen, zu ihren Lebzeiten keineswegs davon profitieren müssen, ist das Bodenwerderer Museum ein guter Ort.

Bodenwerder, Heimatmuseum u.a. mit Oberförster-Uniform

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Ein Kommentar zu Ältere Herren auf Kanonenkugeln (Bodenwerder)

  1. Werner Ehlen sagt:

    hat mir sehr gefallen war mit dem Wohnmobil 2tage da

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