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Widder, Zobel, Geyer (Giebelstadt)

Die Ortschaft Giebelstadt ist trotz ihres Namens keine Stadt, sondern ein „Markt“. So heißen in Bayern Orte, die nicht einwohnerstark genug, um als Stadt zu gelten, aber größer als Dörfer sind. Giebelstadts Wappen, das im Internetauftritt des Hauses der Bayerischen Geschichte ausgiebig erläutert wird, zeigt einen Ziegenbock- oder Widderkopf. Kurios dabei: In Giebelstadts Herrschaftsgeschichte, die sich im Ortsbild sichtlich spiegelt, spielten gleich zwei Adelssippen mit klangvollen Tiernamen jahrhundertelang Rollen. Allerdings, mit Widdern, Ziegen und ähnlichen Tieren hatten sie nichts zu tun. Vielmehr hießen die Sippen, von deren Herrschaft zwei Schlösser und eine Burgruine künden, Zobel von Giebelstadt und Geyer von Giebelstadt. Diese Geyer

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Türhüter-Burgschloss (Beichlingen)

Wo war einst in Deutschland die Klein- bis Kleinststaaterei – oder positiver formuliert: der Föderalismus – am stärksten ausgeprägt? In Schwaben, in Franken oder in Thüringen? Für all diese Annahmen sprechen Gründe. Für Thüringen spricht, wenn man von Nähe zur Gegenwart ausgeht. Als das Bundesland 2020 sein 100-Jähriges feierte, präsentierte es auf der Internetseite thueringen100.de (und präsentiert weiter) einen „wahren Flickenteppich“ aus „sieben Kleinstaaten“, die „nicht etwa scharf voneinander abgegrenzt, sondern förmlich miteinander verwoben“ waren und sich 1920, nach dem Ende des Feudalismus, zusammengeschlossen hatten. Eine Pointe bestand darin, dass einige Teile des heutigen Bundeslandes – von dem viele Nicht-Thüringer ja auch glauben,

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Triesdorf, Weißes Schloss

Ein Uni-Dorf aus lauter Lustschlösschen (Triesdorf)

„Schloss“ ist kein geschützter Begriff. Im Prinzip kann jeder sein Heim zu einem erklären. Etliche Schlösser in fränkischen oder schwäbischen Dörfern, in denen einst so gut wie souveräne Reichsritter hausten, würden in ehemaligen Residenzstädtchen kaum zu den fünfzig repräsentativsten Bauten zählen. Schon daher, aber auch bei strengerer Auslegung des Begriffs: Es gibt jede Menge Schlösser in Deutschland. Seit dem Ende des Feudalismus, seit dem zum Besitz eines Schlosses nicht mehr der Besitz an leibeigenen Untertanen beziehungsweise an deren Arbeitskraft gehört (was Hofhaltung und Schlossbau einst mitfinanzierte und in kleinen Herrschaften eben nur Schlössles erlaubte), stellt sich die Frage: Was tun mit so vielen Schlössern?

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Playmobil-Männchen vorm Stadtmuseum Zirndorf

Soldatenlager, Brummkreisel, Systemspielzeug (Zirndorf)

Das Zirndorfer Museum ist gar kein Heimat-, sondern ein Stadtmuseum. Schließlich hat Prinzregent Luitpold die inzwischen 25.000 Einwohner zählende Ortschaft bei Fürth 1911 zur Stadt erhoben. Und es erzählt auch gar nicht die ganze Geschichte des ehemaligen Dorfes, obwohl zum Beispiel die 1674 von den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach begründete und weiterhin brauende Brauerei und die elf Jahre später quasi nebenan errichtete, bis zur Pogromnach 1938 genutzte Synagoge durchaus Interesse erwecken würden. Das Museum konzentriert sich auf zwei relativ superlativische Aspekte. Zum einen fand bei Zirndorf die Schlacht an der Alten Veste statt, in der im Dreißigjährigen Krieg die protestantisch-schwedische Armee des Königs Gustav

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Besuchen Sie Ludwigshafen … solange es noch steht

Die Überschrift übertreibt natürlich etwas. Als kleine Großstadt mit gut 170.000 Einwohnern ist Ludwigshafen durch das wohl weiterhin größte Chemiewerk der Welt, das zugleich einen der ältesten Industriekonzerne des DAX bildet, sowie die allerdienstälteste immer noch aktive Fernsehkommissarin in der deutschen Gegenwart und im überregionalen Bewusstsein ganz gut verankert. Was in Gefahr gerät: seine bemerkenswerte Qualität als Freilichtmuseum für so gut wie sämtliche Baustile der überwiegend ehemaligen Modernen. Die schwungvoll raumgreifenden Hochbrücken über den Rhein etwa wurden noch im vorigen Jahrzehnt als „Los Angeles in der Pfalz“ beworben. Im Dunkeln beleuchtet von oben fotografiert machen sie visuell tatsächlich allerhand her (zumindest mehr, als

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Kalkplatten, Dinosaurierfedern und der Iconic Turn (Solnhofen)

Die Senefelder Straße in Berlin-Prenzlauer Berg geht von der Stargarder Straße ab und kreuzt die Hiddenseer Straße. Während die Stargarder grob in Richtung Stargard führt (zur inzwischen polnischen Stadt, die anders als die meisten früher deutschen Städte immer noch ihren alten Namen trägt …), und die Hiddenseer zwar nicht zur Ostsee, aber klar ist, dass es um die Insel geht, führt kein Weg nach Senefeld. Schon weil es so einen Ort vermutlich niemals gab.

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Was man wissen wollen könnte über … Vilshofen

Beinahe, aber nur beinahe wäre Vilshofen heute mit uneingeschränkt gutem Beiklang oder Nachgeschmack im Munde der ganzen Welt verankert, oder zumindest des Teils davon, der Alkoholgenuss nicht ablehnt. Dazu hätte bloß den Vilshofenern der 1840er Jahre das Gebräu jenes Mitbürgers schmecken müssen, dessen Büste heute repräsentativ vor dem Rathaus steht und ernst auf den lang gezogenen Stadtplatz blickt. Tat es aber nicht, daher ging dieser Joseph Groll 1842 dann nach Böhmen, präsentierte seine Kreation dort am 11.11. desselben Jahres, und „allgemeiner Jubel erscholl“, als die dortigen Biertrinker sich von dem „schneiden, köstlichen, nie wahrgenommenen Geschmacke überzeugten“, wie das 1999 im COM-Verlag erschienene Büchlein

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„Royals“ für Belgien und Bulgarien (Coburg)

Das Faible der Deutschen für sogenannte Royals, wie das exzessiv darüber berichtende öffentlich–rechtliche Fernsehen sie gerne nennt, ist vielleicht gar nicht mehr soo groß, könnte eine kürzlich gemachte Umfrage des „Stern“ nahelegen. Interessantere Geschichten als bei jeder neuen Gelegenheit wieder neu „Wie deutsch ist die Queen?“ zu rekapitulieren, gibt es allerdings viele. Ganz besonders im bayerischen Coburg.

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Berühmteste Hose (Buttenheim)

Buttenheim besteht aus einer Hauptstraße, an deren Rand manchmal Bürgersteige verlaufen, aus Autobahnzubringern, der Autobahn selbst natürlich sowie einigen Sackgassen. Es ist, nur leicht überspitzt formuliert, ein bayerischer Ort im Griff der Autos – die die Bayern freilich mit so viel Leidenschaft fahren, bauen und in alle Welt exportieren, dass sie ihn wohl kaum als Würgegriff empfinden. Wer auf die Idee kommt, in Buttenheim zu verweilen, z.B., weil es sich als „Eingangstor zur fränkischen Schweiz“ bezeichnet, sollte aber selbst ein Auto dabei haben. Die Begriffe „Ab-“ oder „Ausfahrt“ träfen es besser. Der Begriff „Stadt“ wäre für Buttenheim trotz allerhand eingemeindeter Dörfer zu hoch gegriffen.

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Wein, Bier und alte Hexenpolitik (Zeil am Main)

Hexentürme gibt es vielerorts, nur zum Beispiel auch in Prenzlau. Ihr Name erinnert daran, dass einst dort sogenannte Hexen gefangen gehalten wurden, und entfaltet wohligen Grusel mit Fantasy- bzw. Märchen-Anteilen. Schließlich ist diese finstere Epoche der frühen Neuzeit lange vorbei. Im bayerischen Zeil (fast) am Main heißt der erhaltene Torturm ebenfalls Hexenturm. Eigentlich aber hatten sämtliche 23 Türme der Stadtmauer, von denen so einige kleinere erhalten sind, als solche Hexengefängnisse gedient. Denn bis zur Napoleonszeit gehörte Zeil zum Fürstbistum Bamberg. Das Finanzamt schräg gegenüber dem Turm war einst ein Jagdschloss der Bamberger Bischöfe. Deren Herrschaftsgebiet galt als Hochburg der Hexenverfolgung. Und Zeil, als

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Wilde Geschichte (Mindelheim)

Mindelheim sieht erst mal aus wie viele bayerische Orte: An beiden Seiten der Hauptstraße durch die Innenstadt stehen große Stadtor-Türme. In der Mitte liegt der Markt- bzw. Marienplatz mit besonders bunten, Ziergiebel-geschmückten Häusern. Und natürlich ragen außerdem Kirchtürme aus dem Städtchen empor; im Vergleich fällt vielleicht auf, dass die großen keine Zwiebelkirchtürme sind. Mindelheim ist eine Stadt der Türme, so wie es vor allem im süddeutschen Raum viele Städte der Türme gibt (das 25 Kilometer entfernte Memmingen etwa ist gleich schon wieder eine …). Wie vielerorts fassen Texttafeln die Stadtgeschichte zusammen, etwa am Oberen Tor und vor dem historischen und historistischen Burgschloss über der

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Graffitiwand und Luther-Superlativ (Neuburg/ Donau)

Vor einigen Jahren hatte mal jemand von den „Klowänden des Internet“ geredet und einen kleinen Shitstorm geerntet. Zu behaupten, dass inzwischen sämtliche Innenstadt-Gebäudewände in Sprüh-Reichweite das wären, was früher Klowände waren, wäre ähnlich unsachlich. Graffiti sind aber jedenfalls omnipräsent in der Gegenwart. Eine lange Geschichte haben sie auch. Das Wort stammt aus dem Italienischen und ist vom Verb sgraffiare, kratzen abgeleitet. Konkret wurde „ein dunkel eingefärbter Unterputz mit einer hellen Kalktünche überstrichen, aus der die Darstellung herausgekratzt wird, so dass die Zeichnung dunkel auf hellem Grund erscheint“, erklärt der amtliche Führer der Bayerischen Schlösserverwaltung zum Schloss in Neuburg/ Donau (Bayern). Denn wer in

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Aus der Staufer- und der Nazizeit (Trifels bei Annweiler)

Die meisten heute als alt besichtigbaren Bauwerke sind über viele Epochen hinweg entstanden und immer wieder verändert worden. Das Ideal der Originalgetreuheit ist ja ein ziemlich neues (und keineswegs unumstrittenes). An der Burg Trifels bei (genauer: 300 Meter über) Annweiler in Rheinland-Pfalz wurde, dem chronologischen Grundriss im Führungsheft zufolge, in jedem Jahrhundert des zweiten Jahrtausends herumgebaut. Nur nicht zwischen 1602, als ein Blitzeinschlag sie zerstörte, und 1841, als die damals in der Pfalz herrschenden Bayern mit dem Restaurieren begann. Vor allem stammt der Trifels aus den Epochen der Staufer und der Nazis. Die staufischen Kaiser des hohen Mittelalters ließen die Burg zu einer

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