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Wo Deutschland (auch) herkommt: Bad Gandersheim

Das ist ja wie gemacht für Festspiele, könnte man im Herbst, Winter oder Frühling 1) beim Blick auf den großen Platz vorm imposanten zweitürmigen Westriegel der Bad Gandersheimer Stiftskirche denken. Im Sommer, nun noch bis noch bis 21. August, laufen die Gandersheimer Domfestspiele. Um einen Dom im engen, kirchlichen Sinne handelt es sich beim bescheiden monumentalen Kirchenbau nicht, eher um ein Münster. Aber ein geschützter Begriff ist „Dom“ ja auch nicht, dafür schön kompakt. Die Gandersheimer Stiftskirche hat sich ihre kompakte Größe und den Grundriss seit aus dem 12. Jahrhundert bewahrt. Was nicht heißt, dass sie dann erst gebaut wurde. Vielmehr ist sie ums Jahr 1168 herum zum mindestens vierten Mal nach Bränden wiederaufgebaut worden und steht seither relativ unverändert dort.

Der freie Platz vorm Dom war allerdings mitnichten für Festspiele gedacht und gemacht worden, sondern wurde ganz im Gegenteil im Lauf vieler Jahrhunderte ziemlich zugebaut – mit Bauwerken wie einer „Paradies-Vorhalle“, die im 19. Jahrhundert wieder abgerissen wurden. Eine Ahnung davon bekommt man auf der Rückseite des Doms. Da schließt sich, längs und leicht versetzt, der barocke Flügel der Reichsabtei an, an den sich dann im rechten Winkel ein älterer Flügel im Stil der Weserrenaissance anschließt, an welchen sich weitere große Gebäudetrakte anschließen, die teilweise burgartige Treppentürmchen und Torbögen enthalten.

Der über Jahrhunderte gewachsene, in jüngeren Jahrhunderten nach vorn hin teilweise abgerissene, aber immer sehr überschaubare Stiftsbezirk war bis 1802 ein eigener Kleinststaat: die Reichsabtei bzw. das weltliche Reichsstift Gandersheim. Nach größeren Anfängen war er allerdings bald so klein, dass hinter den Torbögen (die an wenigen Stellen noch zu sehen sind) schon der nächste Kleinstaat begann.

Weserrenaissance-Reichsabtei, also Kleinststaat-Regierungssitz, mit Elisabeth-Brunnen

Das war das Welfen-Herzogtum Brauschweig-Wolfenbüttel, dessen Herrscher in Gandersheim das eine oder andere Burgschloss hinterließen. Die „Braunschweiger Burg“ an der Stadtmauer und am Flüsschen Gande ist heute Amtsgericht. Bei der „Wilhelmsburg“, die einst provokanterweise direkt an der Stiftsfreiheit stand, handelt es sich um den Nachfolgebau eines nach der Reformation aufgehobenen Klosters.

Ob die Konkurrenz zweier Staaten auf wenig Raum für die Einwohner eher Vor- oder eher Nachteile hatte, ist schwer zu sagen. Mal so, mal so, wahrscheinlich. Zu den Vorteilen dürfte gehören, dass die Gandersheimer sich aus der Leibeigenschaft der Abtei freikaufen und Untertanen der Braunschweiger werden konnten, die sie beim Freikauf unterstützt hatten. Mit der „Wilhelmsburg“ verknüpft sich eine Verpasste-Chance-Geschichte: Anno 1571 hatte dort ein Vorgänger der ersten Welfen-Universität seinen Sitz. Kurz nach der Reformation wollten viele Fürsten eine eigene Uni. Doch sollen Stift und Stadt sich ausnahmsweise einig gewesen sein, dass sie solch einen Anziehungspunkt für selbstbewusste, laute junge Leute in ihren Mauern lieber nicht wollten, worauf sich dann Helmstedt über 200 Jahre lang einer (fürs Wachstum einer Stadt und die Geschäfte der Einwohner eben doch förderlichen) Universität erfreuen konnte.

Aus gegenwärtiger Sicht stellt das wiederum keine ganz große verpasste Chance mehr dar. Schließlich wurde die Helmstedter Uni 1810 von den Franzosen zugunsten der jüngeren, noch immer bestehenden Göttinger Universität dicht gemacht …

Torbogen, an dem der Kleinststaat endete

Jedenfalls zeigt die bescheidene Monumentalität der Kirchen und kleinen Burgschlösser, wie alt der Ortskern ist. Er stammt aus der Epoche der Romanik, in der die Menschen groß und hoch nicht zu bauen beherrschten. Mit den Bauten wurde bereits im Jahr 852 unter dem sächsischen Markgraf Liudolf begonnen, wenige Jahrzehnte nach der Eroberung und gewaltsamen Missionierung Sachsens durch die Franken und Kaiser Karl den Großen. Dieser Liudolf konnte noch nicht ahnen, dass sein Enkel selber König und sein Urenkel Kaiser werden würde.

Der in Bad Gandersheimer Broschüren (wie der hier runterladbaren) gern verwendete Spruch „Deutschland kommt aus Gandersheim“ passt insofern, weil das Ostfränkische, dann zusehends Deutsche Reich besonders sich dadurch entwickelte, dass sein Machtzentrum sich aus dem Westen, von Karls des Großen Liebslingsstadt Aachen, und dem Süden, wo am Main und an der Lahn spätere Könige ihre Hauptsitze hatten, in den Osten, das damalige Sachsen bewegte. Wenn die Machtzentren mal hier, mal dort liegen und unterschiedliche Regionen was davon haben, kann das ein Land zusammenwachsen lassen.

Wer jedenfalls aus dem alten Gandersheim kam: „die erste deutsche Dichterin“ oder, wie sich präziser sagen ließe: „die erste bedeutende lateinische Autorin seit der Antike und die erste Dramatikerin der christlichen Welt überhaupt“. Hrosvit/ Roswitha von Gandersheim wird im Ort heutzutage sehr hochgehalten, etwa durch den gleichnamigen Literaturpreis, der jährlich an deutschsprachige Dichterinnen vergeben wird (zu denen die auf Latein dichtende Roswitha im 10. Jahrhundert also nicht zählte).

1970er-Denkmal nach 16.-Jhd.-Vorbild: Dichterin kniet vor Kaiser

Im 21. Jahrhundert hätte man für ein Roswitha-Denkmal wahrscheinlich ein anderes Motiv ausgewählt als ausgerechnet, wie die erste Dichterin vor einem Mann niederkniet. Andererseits könnte auffallen, dass die große Dichterin dem Monarchen selbst auf Knien fast auf Augenhöhe begegnet. Außerdem bezieht sich das aus den 1970er Jahren stammende Denkmal auf die älteste bekannte, vom ebenfalls großen Renaissance-Künstler Albrecht Dürer gestaltete Roswitha-Abbildung. Sein Holzschnitt zeigt, wie die Dichterin Kaiser Otto I. ihre Werke überreicht. Was mitnichten heißt, dass Dürer Roswitha je gesehen hätte. Die Gandersheimer Dichterin hatte ja mehr als ein halbes Jahrtausend vor ihm gelebt. Sogar im Vergleich mit Nürnberg ist Bad Gandersheim eine alte Stadt.

Was die Dichterin im zehnten Jahrhundert nach Gandersheim gezogen haben dürfte: das erwähnte weltliche Damenstift. Das heißt, es war erstens kein Kloster, was den adeligen Mitgliedern gestattete, sich an weltlichem Besitz zu erfreuen und sogar, wieder austreten zu können. Zweitens waren diese Mitglieder ausschließlich Frauen. Solche Damenstifte waren jahrhundertelang die einzige Staatsform, in der grundsätzlich und ausschließlich Frauen regierten. Nur sie repräsentierten und verewigten sich hier so, wie es die sonst fast immer männlichen Herrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation auch überall taten: in Bauten, Brunnen und ganz besonders in Grabmalen. Gut sehen lässt sich das an Renaissance- und barocken Prunksärgen im Dom.

Barocker Fürstabtissin-Grabprunk

Um die in fast tausend Jahren bis zur Säkularisierung 1802 herrschenden 48 bis 53 Fürstäbtissinnen ranken sich allerhand Geschichten. Völlig klar bestimmen lässt sich die Zahl schon deshalb nicht, weil es zeitweise Gegenäbtissinnen gab (so wie Gegenpäpste im Kirchenstaat in Rom). Der Hofstaat des Gandersheimer Kleinstaats enthielt natürlich viele Männer – etwa einen Hofbildhauer mit dem einprägsamen Namen Johann Kaspar Käse und einen Hofmusiker namens Bach, der zur großen verzweigten Familie Johann Sebastians gehörte (und im kleinen Damenstift außer als Hofmusikus zugleich wohl auch als Mundschenk diente). Überliefert ist außerdem, dass für Fürstäbtissin Henriette Christine im frühen 18. Jahrhundert ihr Oberhofmeister von Braun auch als Geliebter wirkte. Zwar musste diese Fürstäbtissin nach Geburt eines Sohnes auf ihr Amt verzichten, doch das scheint harmloser zugegangen zu sein als vergleichbare Fälle zurselben Zeit anderswo.

Kurzum: Bad Gandersheim erlebte in seiner langen Geschichte sichtlich so einige Höhepunkte, den größten vielleicht kurz vor der vorvorigen Jahrtausendwende, also vorm Jahr 1000, als das Deutsche Reich mit Kaiserin Theophanu eine Frau regierte (weil ihr Mann gestorben und ihr Sohn noch zu jung dafür war), von der sich heute doppelt gut erzählen lässt, weil sie außerdem als geborene byzantinische Griechin für kulturelle Vielfalt steht und viele Einflüsse nach Mitteleuropa brachte.

Die Gande ist kein reißender Fluss, aber …

Wie das so ist mit Höhepunkten: Hinterher geht’s bergab. Wie viele Städte mit „Bad“ im Namen muss Bad Gandersheim seit einigen Jahrzehnten um Besucher kämpfen. Dass es heute eine rundum blühende Stadt ist, lässt sich nicht sagen – obwohl es gerade jetzt eigentlich kräftig blühen sollte. Allerdings wurde die Laga, die niedersächische Landesgartenschau 2022 – eine der Infrastrukturmaßnahmen, die oft tatsächlich mehrere Jahre bis Jahrzehnte positiv nachwirken – Ende 2021 wegen Corona von diesem Jahr ins nächste, 2023, verlegt. Dabei ist rund um das Flüsschen Gande herum, das trotz seiner Bescheidenheit einige Hochwasser verursachte (wie sich nach der Flutkatastrophe 2021 besser vorstellen lässt), bereits allerhand Grün hübsch angerichtet worden. Vermutlich dieser Verschiebung wegen ließen sich im März, als ich in Bad Gandersheim war, die Museen, die unter dem pompösen (den Internet-Aspekt des Begriffs „Portal“ nicht mitmeinenden) Namen „Portal zur Geschichte“ auftreten, kaum bis gar nicht besichtigen.

Wie in den 1970er Jahren gebaut wurde, ist auf seine Weise ja auch sehenswert

Wie auch immer, Freilicht-Museum genug, um dort mit Erkenntnisgewinn einen Tag zu verbringen, ist Bad Gandersheim auf jeden Fall – und deckt zahlreiche Epochen ab. Wenn man auf einer stillgelegten Bahnstrecke oberhalb des grünen, von interessant zeittypischer, auch schon für Vergangenheit stehender 1970er-Jahre-Architektur geprägten Kurparks in den Stadtteil Brunhausen geht, wo Fürstäbtissin Elisabeth Ernestine den im Kern allerältersten Kirchen-Kloster-Bau des Orts im 18. Jahrhundert zum barocken, aber bemerkenswert bescheidenen Sommerschlösschen umbauen ließ, stößt man auch auf Spuren bestürzender Nazi-Vergangenheit. Deutschland kommt sozusagen mit allen Facetten seiner Geschichte, auch, aus Bad Gandersheim.

(Und die eben erwähnte stillgelegte Bahnstrecke bedeutet nicht, dass Bad Gandersheim sich nicht per Bahn erreichen ließe. Im Gegenteil, der Bahn-Haltpunkt liegt sogar sehr nahe am Ortskern).

1) Ich war Ende März in Bad Gandersheim. Als ich die meisten hier veröffentlichten Fotos machte, liefen die Festspiele also nicht. Am Rande: Ob es kulturell das Gelbe ist, ausschließlich ältere Erfolgsfilme wie „Der Name der Rose“, „Die Ritter der Kokosnuss“, „Der kleine Horrorladen“ und „Frühstück bei Tiffany“ nachzuspielen, wie es 2022 geschieht, könnte man natürlich fragen. Andererseits, nach den Pandemiejahren müssen solche aufwändigen Veranstaltungen erst recht darauf achten, verlässlich Publikum anzuziehen. Zumal, wenn es in kleinere Orte auch von anderswo anreisen muss …

Wo Deutschland mal österreichisch war: Herzogenrath

Zu den hundert spektakulärsten deutschen Mittelstädten dürfte Herzogenrath eher nicht zählen. Der zentrale Ferdinand-Schmetz-Platz am Eingang der kleinen Fußgängerzone zum Beispiel

… falls man etwas Positives über ihn sagen wollen würde: Wahrscheinlich lässt er sich leicht sauber machen. Überquert man das rauschende Flüsschen Wurm in Richtung Westen, wird es etwas interessanter.

Zumindest thronen dort über der (von Halden als Folge der abgeschlossenen Steinkohle-/ Bergbau-Vergangenheit abgesehen) flachen Landschaft zwei markante Bauwerke.

Die doppeltürmige Kirche ist mal ein gelungener historistischer Bau. Man würde sie für deutlich älter als bloß gut hundert Jahre halten. Umso neuer wirkt das kleine Burgschloss Rode wenige hundert Meter weiter.

Dabei enthält es einen an seinem Feldgestein erkennbar alten, im 14. Jahrhundert erbauten Turm. Ansonsten ist’s ein Nachbau, den in den 1870er Jahren ein lokaler Nudel-, pardon: Nadel-Fabrikant namens Schmetz errichten ließ.

Noch spektakulärer wird es noch ein paar hundert Meter weiter westlich, wenn man zum Kloster-Kirchen-Komplex Rolduc gelangt. Spektakulär groß ist er – und liegt bereits im ziemlich anderssprachigen Nachbarland. Bei der ehemaligen Abtei, einem heutigen Hotel, handelt es sich um den einst größten Klosterkomplex der heutigen Niederlande. Herzogenrath geht bemerkenswert nahtlos in seine niederländische Nachbarstadt Kerkrade über. Und Rolduc lässt sich als Übersetzung von Herzogenrath in die einst dominante Weltsprache Französisch verstehen. All das, Herzogsburg und Kloster, Herzogenrath und Kerkrade, gehörte gut 700 Jahre lang zusammen.

Erst auf dem Wiener Kongress 1815, auf dem nach den napoleonischen Kriegen Europas Landkarte ziemlich neu gestaltet wurden ganz ohne die betroffenen Menschen zu fragen (sondern eher militärstrategisch und die Seelen, also Einwohner bzw. Steuerzahler zählend), wurde eine Grenze gezogen, mehr oder weniger an der Wurm entlang: Was westlich davon liegt, gehört seither zu den Niederlanden, das östliche Herzogenrath kam zum Königreich Preußen bzw. zu Nordrhein-Westfalen als einem seiner Nachfolge-Bundesländer.

Vorher war die Territorialgeschichte auch schon verzwickt, betraf aber die gesamte Region. Herzogtum Limburg hieß sie (nicht zu verwechseln mit heute deutschen Limburgs wie der Stadt an der Lahn oder der Hohenlimburg bei Hagen, die ebenfals einer Grafschaft den Namen gab) und gehörte im Mittelalter zum Herzogtum Burgund und dann den Habsburgern, konkret: zunächst zu den spanischen, anschließend zu den österreichischen Niederlanden – was zu noch einem Kuriosum führt: Herzogenrath bei Aachen ist eine der nördlichsten deutschen Städte, die einmal österreichisch waren.

Ein paar Spuren dieser Zugehörigkeit zeigen sich noch immer: Einerseits zeugen die erwähnten Kloster und Kirchen davon, die allesamt katholisch sind, was man zumindest in den Niederlanden nicht unbedingt erwarten würde. Die Habsburger duldeten bis tief in die Neuzeit keine Protestanten in ihren Ländern. Außer der Konfession hielt das alte Herzogtum Limburg noch etwas zusammen: eine repressive Obrigkeit bzw. Aufbegehren gegen diese. Davon zeugt der Brunnen auf dem eingangs erwähnten Ferdinand-Schmetz-Platz. Die Figur stellt einen „Bockreiter“ dar. So hieß eine einst in der Region bekannte Räuberbande. Bzw., in den Niederlanden ist sie noch immer bekannt, wie der im Vergleich zu dem über die Bockreiter deutlich längere Wikipedia-Artikel über die Bokkenrijders zeigt. In Deutschland erinnert sich jenseits von Herzogenrath niemand an sie, woran auch eine niederländisch-deutsche Fernsehserie aus den 1990er Jahren nichts änderte. Dabei wurden im späten 18. Jahrhundert mehr als 300 Bockreiter (und Bockreiterinnen) hingerichtet, schreibt die Wikipedia auch auf deutsch.

Zwischen Kerk- und Herzogenrade/-rath hatte die Grenzziehung 1815 noch längst nicht alle Verbindungen gekappt. Vielmehr gehörte die niederländische Provinz Limburg, die mit Maastricht als Hauptstadt immer noch besteht, im 19. Jahrhundert zwar zu den Niederlanden, aber von 1839 bis 1866 in einer Art doppelter Staatsbürgerschaft außerdem noch mal zum Deutschen Bund (weshalb die Zeile „Von der Maas bis an die Memel“ in Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ anno 1841 auch zutraf). Fast könnte man die Frage anschließen, ob der in Deutschland gegenwärtig wohl bekannteste Kerkrader, der Ex-Fußballtrainer Huub Stevens, Deutsch eigentlich als Fremdsprache lernte oder eher Limburgisch bzw. Südniederfränkisch sprach und spricht … Erst seit den Weltkriegen entwickelten sich Herzogenrath und Kerkrade, nachvollziehbarerweise, „mit den Rücken zueinander“ , steht im „Zeitraster“ auf eurode.eu. „Eurode“, so heißt der grezüberschreitende „Zweckverband“, den Herzogenrath und Kerkrade kurz vor der Jahrtausendwende gründeten. Ob der Höhepunkt vielleicht schon wieder überschritten wurde, das könnte man sich anhand dessen, was das Zeitraster seit 2012 anzeigt, fragen.

Doch zumindest wie einst bei den Bockreitern, also jenseits des Gesetzlichen, läuft es im alten Limburg. Davon zeugt etwa der empfehlenswerte Podcast „Narcoland – Das Meth-Kartell im Dreiländereck“ der „Aachener Zeitung“, der dieses Jahr für den Grimme Online Award nominiert war (ihn allerdings nicht gewann, obwohl ich in der Jury dafür stimmte). In der Abschlussfolge geht es unmittelbar um Herzogenrath, das, wenn auch aus deutscher Sicht an der Peripherie, eben mitten in Mitteleuropa liegt.

Hauptstädtchen, dessen Fürst einst guillotiniert wurde (Kirn)

In Deutschland sind Revolutionen, zumindest vor 1989, nie so richtig gelungen. Selbst als im November 1918 der Kaiser und eine ganze Handvoll Könige, Großherzöge und weitere Monarchen all ihre Macht verloren, wurden sie allenfalls halb gestürzt. Halb verzichteten sie wegen der Weltkriegs-Niederlage und aus weiteren Gründen von selber drauf. Mit der Folge, dass der demokratischen Weimarer Republik zeit ihres kurzen Bestands fehlte, was man gegenwärtig ein ordentliches Gründungs-Narrativ nennen würde. Im Nachklang der Französischen Revolution, während der Napoleonszeit sind zwar viele der bis dahin irre zahlreichen deutschen Kleinstaaten von den kunterbunten Landkarten hinweggefegt worden – aber selten bis gar nicht aus irgendeinem revolutionären Impuls heraus. Was ziemlich unbekannt ist: Ein deutscher Kleinstaaten-Fürst allerdings verlor damals genau so wie Ludwig XVI. und Marie-Antoinette von Frankreich seinen Kopf unter der Guillotine.

Achtung, das ist nicht Kirn, sondern Paris (das vom gleichen Fürsten in Auftrag gegebene Hôtel de Salm)!

Friedrich III. von Salm-Kyrburg hieß er und ist fast so unbekannt wie der kleine Staat, den er beherrschte. Wie so gut wie jeder Fürst des Spätabsolutismus besaß er mehrere Residenzen. Die, in der er sich am liebsten aufhielt, hatte er selber erbauen lassen, und sie trägt auch heute noch seinen Namen. Im Hôtel de Salm, in Paris direkt an der Seine gleich neben dem Musee d’Orsay, befindet sich heute das Museum der französischen Ehrenlegion. In Paris hatte Friedrich freilich überhaupt nichts zu regieren. Das tat der erwähntte Ludwig XVI.. Friedrichs Fürstentümchen befand sich rund um die Kleinstadt Kirn in der Weinregion Nahe im heute rheinland-pfälzischen Hunsrück.

Nicht die Nahe, sondern die Seine (Hôtel de Salm im Hintergrund)

Überliefert ist, dass er sich nach Ausbruch der Französischen Revolution 1789 nicht nur in Paris als deren Anhänger bekannte, sondern sogar nach Kirn reiste und seine deutschen Untertanen als „Mitbürger“ ansprach. Ob das aus Begeisterung für die frisch formulierten Menschenrechte und weitere Ideale geschah oder eher damit zusammenhing, dass Friedrich sich horrend überschuldet hatte, wenn nicht gar offiziell pleite war – unklar. Dass heutzutage nicht sehr viel Material über ihn zu finden ist (Wikipedia), hängt jedenfalls damit zusammen, dass er 1794 in Paris unter der Guillotine starb, womit zugleich sein Kleinstaat für immer verschwand. Ob er in der späten Phase des Terreur eher hingerichtet wurde, weil er zur Partei des Robespierre-Gegners Danton gehörte oder weil die Revolutionäre ihn trotz all seines Engagements als Agent der feindlichen deutschen Feudalisten einstuften, ist auch diffus. Dass sie einen deutschen Fürsten aufs Schafott zerrten, wussten sie wohl. (Mehr findet sich frei online etwa in dieser Buchbesprechung …).

Kirn nun wieder (die von Friedrichs III. Vorgänger erbaute Kellerei)

Kirn zählt heute rund 8.000 Einwohner. Seine Stadtpläne sind eher Landkarten. Auf ihnen finden sich zahlreiche Symbole für Burgen und Schlösser, schon weil im Hunsrück viele schroffe Felsen aufragen, darunter solche, die erst auf den dritten Blick kundtun, dass sie auch mal teilweise von Menschenhand errichtete gebaute Burgen darstellten. Was aus Friedrichs Zeit noch steht, im Zentrum nahe der Nahe (und der typisch Nachkriegs-Pfälzisch geschwungenen Autobrücke über sie, die Bahnstrecke und die Landstraße hinweg), ist auf Plänen nicht als Schloss verzeichnet. Vom Schloss „Amalienlust“ zeugt wenig mehr als das Portal-Schild der gleichnamigen Pizzeria, die in einem der Gebäude heute ansässig ist. Friedrich III. allerdings hatte Amalienlust zugleich mit seinem Hôtel an der Seine, in den 1780er Jahren, vom Pariser Architekten Jacques Denis Antoine (Wikipedia auf englisch) als Sommerresidenz errichten lassen. Genau solche gleichzeitig verfolgten Bauvorhaben dürften zu den Finanzproblemen des Kleinstaat-Fürsten beigetragen haben.

Elegant geschwungene Nahe-Brücke mit Amalienlust-Ensemble (links daneben), von der Kyrburg aus betrachtet.

Außer einem Pavillon am Fluss, der später für den Eisenbahn-Bau abgerissen wurde, soll alles erhalten sein. Heute erscheinen die drei schön dezenten Bauten eher wie geschmackvoll zurückhaltende Bürgerhäuser. Dass sie einst sogar wohl bis hin zu zur rund zehn Jahre zuvor, noch vom Hofbaumeister des Vorgänger-Fürsten Dominik errichteten hufeisenförmigen Fürstlichen Kellerei ein Ensemble bildeten, kann man sich schwer vorstellen. Auch weil dazwischen inzwischen das Gelände einer großen, auch schon traditionsreichen Fabrik liegt.

Gegenschuss: Kyrburg-Ruine von der Nahe-Brücke aus gesehen …

Seinen Namen trägt Amalienlust Friedrichs Schwester wegen. Die beiden hatte eine Doppelheirat mit zwei Fürsten-Geschwistern aus dem kaum größeren, aber etwas langlebigeren Kleinstaat Hohenzollern-Sigmaringen unternommen. Amalie Zephyrine lebte dann allerdings, genau wie ihr Bruder, anders als ihr Sigmaringer Gatte, auch lieber in Paris. Von ihr ist mehr überliefert als vom enthaupteten Friedrich, schon weil sie deutlich länger am Leben blieb. Sie konnte nicht nur ihn in Paris bestatten lassen, sondern sogar sowohl dessen Sohn, ihrem Neffen Friedrich IV., als auch ihrem Sigmaringer Ehemann trotz der radikal bereinigten deutschen Landkarten eine in der napoleonischen Kaiserzeit fortbestehende Herrschaft sichern – weil sie in der französischen Hauptstadt einflussreiche Bekanntschaften geschlossen hatte, zum Beispiel mit Napoleons erster Frau, der späteren zeitweiligen französischen Kaiserin Joséphine. Wie Hohenzollern-Sigmaringen noch bis 1849 als souveräner Staat bestand, und wie des guillotinierten Friedrichs gleichnamiger Sohn wenige Jahre lang nominell souverän, freilich von Napoleons willkürlichen Gnaden, einen völlig anderen Kleinstaat regieren konnte, das wären zwei völlig andere Geschichten. Zumal Friedrich IV. aus dem inzwischen französischen Kirn in eine völlig andere Region versetzt wurde: eine sehr westwestfälische um Schloss Anholt herum, das heute noch Salmern gehört.

Imposant groß, die Kyrburg-Ruine …

Zurück nach Kirn: Wesentlich auffälliger als das dezente Amalienlust-Ensemble thront über Kirn eine Burgruine, die wie die allermeisten linksrheinischen Burgen vom französischen Ancien Regime zerstört wurde, diese in den 1730er Jahren im Polnischen Erbfolgekrieg (was zeigt, dass seinerzeit auch schon Geopolitik betrieben wurde). Von der mit 120 mal 80 Metern Ausmaß ziemlich großen Kyrburg aus hat man einen schönen Blick über den Hunsrück. Unterhalb der Burg, an der sich heute übrigens auch ein Whisky-Museum befindet, im Trübenbachtal, lässt sich gut wandern, zum Beispiel in den nahen Stadtteil Kirnsulzbach (der für Freunde territorialer Kuriositäten die Überraschung bereit hält, dass er nach der Napoleonszeit, ab dem Wiener Kongress 1815, nicht wie Kirn zu Preußen gehörte, sondern mehr als hundert Jahre lang zu Oldenburg in Oldenburg). Oder landeinwärts, wo weitere Burgruinen warten wie der mehr gewachsen als gebaut erscheinende Steinkallenfels. Aus Kirner Blickwinkelns muss man sehr genau hinschauen, um oben auf dem imposanten, gern von Kletterern bekletterten Felsen Reste einer gebauten Burg zu erkennen. Von der Rückseite sieht man besser, dass sogar auf zwei der drei Felsen Gemäuerreste stehen, und noch besser vom nächsten Schloss nördlich.

Aus dieser Blickrichtung muss man länger suchen, um auf Steinkallenfels den Burgrest zu entdecken.

Dieses Schloss Wartenstein sieht aus der Distanz nicht sehr schlossig aus, obwohl es prominent in der Landschaft prangt. Dass es durchaus eines ist und sich dahinter Reste der nächsten älteren Burg befinden, sieht man erst aus der Nähe. In Wartenstein sitzt ein rühriges Museum, das unter anderem zeigt, wie mühsam lange Zeit im Hunsrücker Soonwald mit Löffeln Baumrinde von Eichen abgeschabt wurde, um daraus Lohe oder Lohmehl herzustellen, und zwar damit in Kirn Gerber wiederum Leder herstellen konnten. Das gibt eine Vorstellung davon, wie Friedrichs Untertanen einst das Budget ihres Fürsten erwirtschafteten … Ebenfalls wandernah liegt Schloss Dhaun, das Kinder durch die durch den Fels darunter führenden Gänge erfreut. In dem war die Adelssippe mit dem schönen Namen Wild- und Rheingrafen länger ansässig. Diese Familie teilte ihre immer zerklüfteten und daher insgesamt selten großen Herrschaftsgebiete oft unter Erben auf, weshalb so viele Schlösser entstanden, und nahm, nachdem sie das elsässisch-lothringische Burgschloss Salm geerbt hatte, diesen Namen an, den Nachkommen in verdoppelter Form, als Salm-Salm also, immer noch führen (und sich z.B. Deutschlands „nachweislich … ältesten Weinguts in Familienbesitz“ rühmen). Den Namen Kirn findet man noch in manchem Portemonnaie – wegen der Leder-Vergangenheit. Einige Lederbetriebe bestehen weiterhin, einige stellen zukunftsträchtigere Kunststoffen her wie die nahe am Amalienlust-Ensemble gelegene Firma Simona.

Steinkallenfels vom nächsten Schloss (Wartenstein) aus gesehen

Paris war zu Friedrichs III. von Salm-Kyrburgs Zeiten wie heute eine Metropole, in der sich viel Macht, Reichtum und Möchtegern-Reichtum ballte, und ein Inbegriff des Zentralismus. Das kleine Kirn war seinerzeit sozusagen ein gutes Beispiel für Hardcore-dezentralen Föderalismus.

Schon weil sich im heutigen Stadtgebiet zu Zeiten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation nicht bloß ein Herrschaftsgebiet befand, sondern mit dem besonders komplex strukturierten, von zeitweise mehr als dreißig Adelssippen anteilig zugleich besessenen Steinkallenfels mindestens ein weiteres. Oder war Wartenstein gleich noch eines? Dass die im Kern alte Kirche am Hahnenbach (der im Stadtgebiet durchaus ein Fluss ist und einst den keltischen Namen Kyr trug) evangelisch ist, wohingegen das direkt daneben liegende Rathaus von Friedrichs fürstlichen Vorgängern einst als katholische Klosterschule in Auftrag gegeben wurde, und diese Kirche einige Jahrhunderte simultan genutzt wurde, wäre noch so eine einst brisante, heute nurmehr kuriose Geschichte … Keine Frage, Paris bietet viel mehr Attraktionen. Eine Reise nach Kirn kann sich aber ebenfalls lohnen.

Dieser Text basiert auf Reisen nach Zerbst im Frühjahr 2022 (als auch alle Fotos entstanden). Er entstand mit freundlicher Unterstützung der Aktion „Neustart Kultur“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der VG Wort.

Zerbst, pittoresk halbruinierte Kirche St. Nicolai zwischen Plattenbauten

Krasse Kontraste, Katharina die Große & ihr kleiner Bruder (Zerbst)

Dem Bundesland Sachsen-Anhalt wird häufig der schwierige Begriff „abgehängt“ angehängt, etwa weil Magdeburg die einzige deutsche Landeshauptstadt ohne ICE-Anschluss ist. Falls an dem bösen Attribut etwas dran ist, dürfte es besonders den zweiten Namensbestandteil treffen. Schließlich liegen die relativen Metropolen Magdeburg und Halle, mit gutem ICE-Anschluss übrigens, im „sächsischen“ Landesteil (der einer ehemaligen Provinz des sehr ehemaligen Landes Preußen wegen so heißt). Angehängt wurde Anhalt, das über tausend Jahre lang einen inzwischen überregional vergessenen Kleinstaat bildete, bzw. die längste Zeit davon drei bis fünf oder noch mehr (naturgemäß noch kleinere) Kleinstaaten.

Zerbst, Torturm an Stadtmauer

Anhalts letzte Hauptstadt Dessau beherbergt inzwischen eines der drei zum 100-Jahre-Jubiläum 2020 neu gebauten Bauhaus-Museen und mit dem ersten Bauhaus überhaupt eines von mehreren „Welterben“. Die übrigen, ehemaligeren anhaltischen Hauptstädte Bernburg und Köthen, sowie, wenn man so will, Plötzkau und Hoym (das inzwischen Teil einer Stadt namens Seeland ist und dessen Schloss sehr lange schon als Pflegeheim dient …), kennt jenseits Anhalts kaum jemand.

Und dann wäre da noch Zerbst.

Zerbst besitzt immerhin eine Lokalheldin ersten Ranges mit nicht nur Kostumführungs-Potenzial, sondern sogar international-welthistorischer Ausstrahlung. Als noch junges, erst wenige Jahrzehnte altes Denkmal steht sie im Schlosspark und lockt Touristen an. Oder eher: lockte, muss es gegenwärtig heißen. Denn im Jahr 2022 ist diese Lokalheldin eine schwierige Gestalt. Zwar bleibt es eine faszinierende Geschichte, wie die 14-jährige Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst anno 1744 nach St. Petersburg aufbrach, dort mit dem Thronfolger verheiratet wurde, trotz ihrer drei Vornamen noch einen weiteren, russisch-orthodoxen erhielt, später als Zarin Katharina über das russische Weltreich herrschte und als einzige Monarchin überhaupt jemals das ehrenvolle Attribut „die Große“ angehängt bekam.

Zerbst, Katharina die Große als Denkmal im Schlosspark

An die eigentliche Macht gelangte Katharina erst im Sommer 1762, nachdem ihr Ehemann, der seit Januar desselben Jahres regierende Zar Peter III. (ein gebürtiger Kieler übrigens) abgesetzt und ermordet worden war. „Eine Mittäterschaft Katharinas konnte nie nachgewiesen werden“, schreibt dazu die Stadtrundgang-Broschüre „Route Katharina die Große/ 10 Stationen aus dem Leben der Zerbster Prinzessin“, gewiss zurecht. Allerdings, ging es im absolutistischen Zarismus unabhängig-rechtsstaatlicher zu als in anderen Epochen der russischen Geschichte wie zum Beispiel … der Gegenwart?

Trotzdem bleibt Katharina eine wichtige und prägende Gestalt der Weltgeschichte (und ihre ursprünglich weder auf Russisch, noch auf Deutsch, sondern auf Französisch verfassten, auf projekt-gutenberg.org als E-Book verfügbaren „Erinnerungen“ lesen sich bemerkenswert heutig – und sehr viel heutiger als das 1907 geschriebene Vorwort der deutschen Ausgabe …).

Zerbst, erhaltener Flügel des einst riesengroßen Schlosses

Und schön ist der Zerbster Schlosspark mit dem 2010 enthüllten, russisch gestifteten und gefertigten Katharina-Denkmal und der restaurierten Schlossruine. Zwar würde schon dieser Bau locker als mittelgroßes Schloss durchgehen, doch handelt es sich um nur einen von einst drei Flügeln. Die beiden anderen Flügel des einst für einen Kleinstaat alsosehr großen, über sieben Jahrzehnte hinweg errichteten Schlosses wurden im Zweiten Weltkrieg und anschließend zerstört. Da spielte sich die in der DDR häufige Geschichte ab, dass nach später Kriegszerstörung im April 1945 (durch US-amerikanische Bomben übrigens) eine mögliche Erhaltung der Bausubstanz ideologisch abgelehnt, also auch der Rest entsorgt wurde – doch immerhin nicht komplett. Der erhaltene Flügel verfiel seit den 1950ern bis noch lange nach dem Mauerfall vor sich hin. Wie der Schlossrest einst aussah, zeigt der Schloss-Förderverein hier. Zumindest blieb der alte Schlosspark am Südwestrand der Altstadt unbebaut. Die erhaltene barocke Reithalle des Feudalismus wurde seit den 1960ern zur Mehrzweck- bis Stadthalle umgemünzt. Vom Marstall, also dem Pferdestall, stehen ein paar Wände, vor denen noch immer antikoide Säulen liegen, ziemlich vermoost zwar, aber so, als sollten sie irgendwann doch noch verbaut werden. Kurzum: Der Park zeigt, genau wie der unverputzte Backstein-Flügel des Schlosses, wie Schlösser entstanden und vergehen bzw. erhalten werden.

Übrigens lässt sich der Schlossflügel immer nach Ende der „klimabedingten Winterpause“, in diesem Jahr seit 23. April, wieder besichtigen – und spiegelt damit die Epoche des Barock authentisch wider. Die riesigen Schlösser zu heizen, stellte auch für die Durchlauchten, die sie zu errichten befahlen, ein Problem dar – wie etwa auch Katharina in ihren Erinnerungen schildert. Solange man nicht darauf besteht, anhand restaurierter Seidenwandbespannungen und flämischer Wandteppiche, auf denen Herkules Heldentaten vollbringt oder Venus nackt badet, Raumgefühle des Rokoko nachzuempfinden (was sich in genug anderen deutschen Schlössern ja tun lässt), lohnt sich ein Besuch im Zerbster Schloss.

Zerbst, Roland-Statue auf dem Marktplatz

Auch sonst bietet Zerbst, obwohl es im letzten Weltkriegsjahr zu 80 Prozent zerstört wurde, in ähnlichem Sinne kulturhistorisch viel zu sehen. Zum Beispiel inmitten bunter Plattenbauten eine mächtige spätgotische Hallenkirche, deren Halle sich als Halbruine mit offenem Dach erweist. Die St. Nicolai-Kirche wurde weder gesprengt (was so einigen Kirchen in der DDR ja widerfuhr) noch wiederhergestellt, vermutlich auch, weil direkt daneben noch eine weitere, auf die ersten Blicke eher theater- als kirchenartige Kirche steht: die barocke St. Trinitatis-Kirche, die derselbe niederländische Baumeister Cornelis Ryckwaert erbaute, der auch den verschwundenen allerersten Schloss-Flügel konstruierte.

Zerbst, nicht so kirchenartig aussehende St. Trinitatis-Kirche

Diese unmittelbare Nachbarschaft zweier großer Kirchen hing mit den heutzutage kaum mehr vermittelbaren, über einige Jahrhunderte in vielen deutschen Regionen wichtigen Unterschieden zwischen den evangelischen Konfessionen der Lutheraner und der Reformierten zusammen. Auch in Anhalt war das lange wichtig, wie sich in der dritten großen Kirche der Altstadt unter anderem anhand des Cranach-der-Jüngere-Gemäldes „Die Taufe Jesu“ zeigt, auf dem außer Jesus auch der Luther-Zeitgenosse Fürst Johann zu sehen ist. Zwar lässt sich dieses Gemälde nur besichtigen, wenn der eigentliche Kirchenraum geöffnet ist. Andere Teile der Kirche kann man auch sonst ansehen – denn die gedrungerene, romanische St. Bartholomäi-Kirche erweist sich auf den zweiten Blick als noch eine pittoresk halbruin-ierte Hallenkirche mit offenem Dach. Der unverbunden daneben stehende dicken Glockenturm gehört einst wohl zur Burg, die einige Jahrhunderte in Zerbst stand, bevor später ungefähr an ihrer Stelle das Schloss errichtet wurde.

Drei im Kern erhaltene mittelalterliche Klosterbauten, von denen einer nach der Reformation, also der Aufhebung aller Klöster, als Gymnasium Illustre beinahe eine Art Universität für ganz Anhalt darstellte (und noch immer ein Gymnasium ist), eine große, noch nicht ganz 600 Jahre alte Roland-Statue auf dem Marktplatz und eine gut vier Kilometer lange, großenteils intakte backsteinrote Stadtmauer mit allerhand Türmen und Türmchen hat Zerbst überdies zu bieten. Im Gegensatz zu den Marktplätzen allerhand weiterer Städten der ehemaligen DDR verdient dieser keinesfalls den Vorwurf, historistisch hochsterilisiert worden zu sein. Wie Städte enstanden und sich immer wieder veränderten, teils durch Zerstörung, teils nach oft nicht sehr nachhaltigen Zeitgeschmäckern, lässt sich hier überall erkennen. Wer Kontraste und sichtliche Spuren äußerst unterschiedlicher Zeiten eher schätzt als pseudo-historische Altstädte, dessen oder deren Geschmack dürfte die Stadt entsprechen.

Zerbst, barocke Kavaliershäuser

Bleibt unter Hauptstadt-Aspekten noch die Frage, wer denn im Kleinstaat Anhalt-Zerbst, der bis 1793 immerhin 190 Jahre lang bestanden hatte, regierte, wenn Katharina das nicht tat (und nach ihrer Abreise 1744 niemals zurückkehrte), und ob sich mit diesen Fürsten nichts hermachen lässt.

Eher nicht, auch wenn der Großen kleiner Bruder, Friedrich August (Wikipedia), immerhin eine schillernde Gestalt gewesen zu sein scheint. Zunächst regierte für ihn seine Mutter Johanna Elisabeth (Wikipedia), die als einer der (zahlreichen!) nicht so sympathischen Charaktere auch in den Erinnerungen ihrer Tochter Katharina eine größere Rolle spielt. Offenbar sie bescherte ihrem Sohn Ärger mit dem preußischen König Friedrich II., weil sie einen franzöischen Spion beherbergte. Weshalb Friedrich, der ja ebenfalls „der Große“ genannt wird und zumindest eine große Militärmacht anführte, die Stadt besetzte und sowohl Johanna Elisabeth als auch Friedrich August sie verließen. Weil Friedrich diesen Krieg, den Siebenjährigen, wenn nicht unbedingt gewann, dann erst recht nicht verlor (übrigens deshalb, weil einer seiner mächtigsten Gegner, Russland, sofort nach dem Regierungsantritt des erwähnten Kurzzeit-Zaren Peter III. die Seiten wechselte), konnte Friedrich August später nicht mehr in Zerbst residieren. Oder er wollte es auch nicht, sondern lebte lieber weit entfernt in Basel und Luxemburg von den durch seine Untertanen im Zerbster Fürstentümchen erwirtschafteten Einnahmen.

Zerbst, im Schlosspark

Nachdem Friedrich August 1793 ohne Thronerben gestorben war, wurde Anhalt-Zerbst unter den drei verbliebenen Anhalter Kleinstaaten aufgeteilt. Ihre Hauptstadt-Funktion verlor die Stadt damit. Dass in Städten, in denen regiert oder verwaltet wird, mehr Geld zirkuliert und mehr los ist als in den anderen, sozusagen „abgehängten“, dürfte eine Gemeinsamkeit zwischen altem und gegenwärtigem Föderalismus bilden.

Etwas aber blieb bis heute vom Anhalt-Zerbster Fürstenhof und wird heute angemessen hochgehalten: Der junge Friedrich August und seine Vorgänger hatten an ihrem Hof gute Musik. Hofkomponist Johann Friedrich Fasch schuf sehr schöne Blasinstrumente-orientierte Barockkompositionen, die sich zum Beispiel auch auf Zugreisen gut hören lassen. Im gar nicht so üblen Sachsen-Anhalter Regionalzüge-Netz erreicht man Zerbst ziemlich gut.

Dieser Text basiert auf Reisen nach Zerbst im April 2022 (als auch alle Fotos entstanden) und 2015. Er entstand mit freundlicher Unterstützung der Aktion „Neustart Kultur“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der VG Wort.


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