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Zerbst, pittoresk halbruinierte Kirche St. Nicolai zwischen Plattenbauten

Krasse Kontraste, Katharina die Große & ihr kleiner Bruder (Zerbst)

Dem Bundesland Sachsen-Anhalt wird häufig der schwierige Begriff „abgehängt“ angehängt, etwa weil Magdeburg die einzige deutsche Landeshauptstadt ohne ICE-Anschluss ist. Falls an dem bösen Attribut etwas dran ist, dürfte es besonders den zweiten Namensbestandteil treffen. Schließlich liegen die relativen Metropolen Magdeburg und Halle, mit gutem ICE-Anschluss übrigens, im „sächsischen“ Landesteil (der einer ehemaligen Provinz des sehr ehemaligen Landes Preußen wegen so heißt). Angehängt wurde Anhalt, das über tausend Jahre lang einen inzwischen überregional vergessenen Kleinstaat bildete, bzw. die längste Zeit davon drei bis fünf oder noch mehr (naturgemäß noch kleinere) Kleinstaaten.

Zerbst, Torturm an Stadtmauer

Anhalts letzte Hauptstadt Dessau beherbergt inzwischen eines der drei zum 100-Jahre-Jubiläum 2020 neu gebauten Bauhaus-Museen und mit dem ersten Bauhaus überhaupt eines von mehreren „Welterben“. Die übrigen, ehemaligeren anhaltischen Hauptstädte Bernburg und Köthen, sowie, wenn man so will, Plötzkau und Hoym (das inzwischen Teil einer Stadt namens Seeland ist und dessen Schloss sehr lange schon als Pflegeheim dient …), kennt jenseits Anhalts kaum jemand.

Und dann wäre da noch Zerbst.

Zerbst besitzt immerhin eine Lokalheldin ersten Ranges mit nicht nur Kostumführungs-Potenzial, sondern sogar international-welthistorischer Ausstrahlung. Als noch junges, erst wenige Jahrzehnte altes Denkmal steht sie im Schlosspark und lockt Touristen an. Oder eher: lockte, muss es gegenwärtig heißen. Denn im Jahr 2022 ist diese Lokalheldin eine schwierige Gestalt. Zwar bleibt es eine faszinierende Geschichte, wie die 14-jährige Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst anno 1744 nach St. Petersburg aufbrach, dort mit dem Thronfolger verheiratet wurde, trotz ihrer drei Vornamen noch einen weiteren, russisch-orthodoxen erhielt, später als Zarin Katharina über das russische Weltreich herrschte und als einzige Monarchin überhaupt jemals das ehrenvolle Attribut „die Große“ angehängt bekam.

Zerbst, Katharina die Große als Denkmal im Schlosspark

An die eigentliche Macht gelangte Katharina erst im Sommer 1762, nachdem ihr Ehemann, der seit Januar desselben Jahres regierende Zar Peter III. (ein gebürtiger Kieler übrigens) abgesetzt und ermordet worden war. „Eine Mittäterschaft Katharinas konnte nie nachgewiesen werden“, schreibt dazu die Stadtrundgang-Broschüre „Route Katharina die Große/ 10 Stationen aus dem Leben der Zerbster Prinzessin“, gewiss zurecht. Allerdings, ging es im absolutistischen Zarismus unabhängig-rechtsstaatlicher zu als in anderen Epochen der russischen Geschichte wie zum Beispiel … der Gegenwart?

Trotzdem bleibt Katharina eine wichtige und prägende Gestalt der Weltgeschichte (und ihre ursprünglich weder auf Russisch, noch auf Deutsch, sondern auf Französisch verfassten, auf projekt-gutenberg.org als E-Book verfügbaren „Erinnerungen“ lesen sich bemerkenswert heutig – und sehr viel heutiger als das 1907 geschriebene Vorwort der deutschen Ausgabe …).

Zerbst, erhaltener Flügel des einst riesengroßen Schlosses

Und schön ist der Zerbster Schlosspark mit dem 2010 enthüllten, russisch gestifteten und gefertigten Katharina-Denkmal und der restaurierten Schlossruine. Zwar würde schon dieser Bau locker als mittelgroßes Schloss durchgehen, doch handelt es sich um nur einen von einst drei Flügeln. Die beiden anderen Flügel des einst für einen Kleinstaat alsosehr großen, über sieben Jahrzehnte hinweg errichteten Schlosses wurden im Zweiten Weltkrieg und anschließend zerstört. Da spielte sich die in der DDR häufige Geschichte ab, dass nach später Kriegszerstörung im April 1945 (durch US-amerikanische Bomben übrigens) eine mögliche Erhaltung der Bausubstanz ideologisch abgelehnt, also auch der Rest entsorgt wurde – doch immerhin nicht komplett. Der erhaltene Flügel verfiel seit den 1950ern bis noch lange nach dem Mauerfall vor sich hin. Wie der Schlossrest einst aussah, zeigt der Schloss-Förderverein hier. Zumindest blieb der alte Schlosspark am Südwestrand der Altstadt unbebaut. Die erhaltene barocke Reithalle des Feudalismus wurde seit den 1960ern zur Mehrzweck- bis Stadthalle umgemünzt. Vom Marstall, also dem Pferdestall, stehen ein paar Wände, vor denen noch immer antikoide Säulen liegen, ziemlich vermoost zwar, aber so, als sollten sie irgendwann doch noch verbaut werden. Kurzum: Der Park zeigt, genau wie der unverputzte Backstein-Flügel des Schlosses, wie Schlösser entstanden und vergehen bzw. erhalten werden.

Übrigens lässt sich der Schlossflügel immer nach Ende der „klimabedingten Winterpause“, in diesem Jahr seit 23. April, wieder besichtigen – und spiegelt damit die Epoche des Barock authentisch wider. Die riesigen Schlösser zu heizen, stellte auch für die Durchlauchten, die sie zu errichten befahlen, ein Problem dar – wie etwa auch Katharina in ihren Erinnerungen schildert. Solange man nicht darauf besteht, anhand restaurierter Seidenwandbespannungen und flämischer Wandteppiche, auf denen Herkules Heldentaten vollbringt oder Venus nackt badet, Raumgefühle des Rokoko nachzuempfinden (was sich in genug anderen deutschen Schlössern ja tun lässt), lohnt sich ein Besuch im Zerbster Schloss.

Zerbst, Roland-Statue auf dem Marktplatz

Auch sonst bietet Zerbst, obwohl es im letzten Weltkriegsjahr zu 80 Prozent zerstört wurde, in ähnlichem Sinne kulturhistorisch viel zu sehen. Zum Beispiel inmitten bunter Plattenbauten eine mächtige spätgotische Hallenkirche, deren Halle sich als Halbruine mit offenem Dach erweist. Die St. Nicolai-Kirche wurde weder gesprengt (was so einigen Kirchen in der DDR ja widerfuhr) noch wiederhergestellt, vermutlich auch, weil direkt daneben noch eine weitere, auf die ersten Blicke eher theater- als kirchenartige Kirche steht: die barocke St. Trinitatis-Kirche, die derselbe niederländische Baumeister Cornelis Ryckwaert erbaute, der auch den verschwundenen allerersten Schloss-Flügel konstruierte.

Zerbst, nicht so kirchenartig aussehende St. Trinitatis-Kirche

Diese unmittelbare Nachbarschaft zweier großer Kirchen hing mit den heutzutage kaum mehr vermittelbaren, über einige Jahrhunderte in vielen deutschen Regionen wichtigen Unterschieden zwischen den evangelischen Konfessionen der Lutheraner und der Reformierten zusammen. Auch in Anhalt war das lange wichtig, wie sich in der dritten großen Kirche der Altstadt unter anderem anhand des Cranach-der-Jüngere-Gemäldes „Die Taufe Jesu“ zeigt, auf dem außer Jesus auch der Luther-Zeitgenosse Fürst Johann zu sehen ist. Zwar lässt sich dieses Gemälde nur besichtigen, wenn der eigentliche Kirchenraum geöffnet ist. Andere Teile der Kirche kann man auch sonst ansehen – denn die gedrungerene, romanische St. Bartholomäi-Kirche erweist sich auf den zweiten Blick als noch eine pittoresk halbruin-ierte Hallenkirche mit offenem Dach. Der unverbunden daneben stehende dicken Glockenturm gehört einst wohl zur Burg, die einige Jahrhunderte in Zerbst stand, bevor später ungefähr an ihrer Stelle das Schloss errichtet wurde.

Drei im Kern erhaltene mittelalterliche Klosterbauten, von denen einer nach der Reformation, also der Aufhebung aller Klöster, als Gymnasium Illustre beinahe eine Art Universität für ganz Anhalt darstellte (und noch immer ein Gymnasium ist), eine große, noch nicht ganz 600 Jahre alte Roland-Statue auf dem Marktplatz und eine gut vier Kilometer lange, großenteils intakte backsteinrote Stadtmauer mit allerhand Türmen und Türmchen hat Zerbst überdies zu bieten. Im Gegensatz zu den Marktplätzen allerhand weiterer Städten der ehemaligen DDR verdient dieser keinesfalls den Vorwurf, historistisch hochsterilisiert worden zu sein. Wie Städte enstanden und sich immer wieder veränderten, teils durch Zerstörung, teils nach oft nicht sehr nachhaltigen Zeitgeschmäckern, lässt sich hier überall erkennen. Wer Kontraste und sichtliche Spuren äußerst unterschiedlicher Zeiten eher schätzt als pseudo-historische Altstädte, dessen oder deren Geschmack dürfte die Stadt entsprechen.

Zerbst, barocke Kavaliershäuser

Bleibt unter Hauptstadt-Aspekten noch die Frage, wer denn im Kleinstaat Anhalt-Zerbst, der bis 1793 immerhin 190 Jahre lang bestanden hatte, regierte, wenn Katharina das nicht tat (und nach ihrer Abreise 1744 niemals zurückkehrte), und ob sich mit diesen Fürsten nichts hermachen lässt.

Eher nicht, auch wenn der Großen kleiner Bruder, Friedrich August (Wikipedia), immerhin eine schillernde Gestalt gewesen zu sein scheint. Zunächst regierte für ihn seine Mutter Johanna Elisabeth (Wikipedia), die als einer der (zahlreichen!) nicht so sympathischen Charaktere auch in den Erinnerungen ihrer Tochter Katharina eine größere Rolle spielt. Offenbar sie bescherte ihrem Sohn Ärger mit dem preußischen König Friedrich II., weil sie einen franzöischen Spion beherbergte. Weshalb Friedrich, der ja ebenfalls „der Große“ genannt wird und zumindest eine große Militärmacht anführte, die Stadt besetzte und sowohl Johanna Elisabeth als auch Friedrich August sie verließen. Weil Friedrich diesen Krieg, den Siebenjährigen, wenn nicht unbedingt gewann, dann erst recht nicht verlor (übrigens deshalb, weil einer seiner mächtigsten Gegner, Russland, sofort nach dem Regierungsantritt des erwähnten Kurzzeit-Zaren Peter III. die Seiten wechselte), konnte Friedrich August später nicht mehr in Zerbst residieren. Oder er wollte es auch nicht, sondern lebte lieber weit entfernt in Basel und Luxemburg von den durch seine Untertanen im Zerbster Fürstentümchen erwirtschafteten Einnahmen.

Zerbst, im Schlosspark

Nachdem Friedrich August 1793 ohne Thronerben gestorben war, wurde Anhalt-Zerbst unter den drei verbliebenen Anhalter Kleinstaaten aufgeteilt. Ihre Hauptstadt-Funktion verlor die Stadt damit. Dass in Städten, in denen regiert oder verwaltet wird, mehr Geld zirkuliert und mehr los ist als in den anderen, sozusagen „abgehängten“, dürfte eine Gemeinsamkeit zwischen altem und gegenwärtigem Föderalismus bilden.

Etwas aber blieb bis heute vom Anhalt-Zerbster Fürstenhof und wird heute angemessen hochgehalten: Der junge Friedrich August und seine Vorgänger hatten an ihrem Hof gute Musik. Hofkomponist Johann Friedrich Fasch schuf sehr schöne Blasinstrumente-orientierte Barockkompositionen, die sich zum Beispiel auch auf Zugreisen gut hören lassen. Im gar nicht so üblen Sachsen-Anhalter Regionalzüge-Netz erreicht man Zerbst ziemlich gut.

Dieser Text basiert auf Reisen nach Zerbst im April 2022 (als auch alle Fotos entstanden) und 2015. Er entstand mit freundlicher Unterstützung der Aktion „Neustart Kultur“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der VG Wort.


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