Die Lahn fließt nicht in der Karibik (Nassau)

Nassau, Blick auf die Burg vom Amtsplatz Wahrscheinlich denken selbst die meisten Deutschen, wenn sie zufällig von Nassau hören sollten, längst eher an die Bahamas als an ein rheinland-pfälzisches Städtchen – ob wegen Johnny Depp, Urlaub oder wegen Offshoregeschäften/ -leaks.

Nassau, Blick lahnaufwärtsTatsächlich rührt der Name der Hauptstadt der Bahamas vom Ort an der Lahn her. Die im zehnten Jahrhundert erstmals erwähnte „Villa Nassovia“ gab der im 12. Jahrhundert oberhalb errichteten Burg den Namen. Ob der Turm dieser in den 1970er Jahren „in interpretierender Weise wiederhergestellten bzw. neu erbauten“ Burg (Europäisches Burgeninstitut) nun historisch ist oder nicht so – mit seinen „vier vorkragenden Ecktürmchen“ besitzt er jedenfalls eine einprägsame Form.

Nassau, Bergfried der BurgUnd die dort hausende Adelsdynastie übernahm den Burgnamen dann auch für sich. Diese Herren von Nassau teilten sich im 13. Jahrhundert in zunächst zwei Linien; die eine herrschte nördlich, die andere südlich des Flusses. Wie alle alten deutschen Fürstensippen teilte sie sich immer weiter, sodass zwischenzeitlich sogar neun Linien demzufolge recht kleine Territorien beherrschten. Ihre Residenzschlösser konnten, wie etwa in Diez,  dennoch groß sein. Am weitesten gebracht hat es die Nassau-Dillenburger Linie. Ihr entstammte jener Wilhelm, der als Willem van Oranje bzw. „Vader des Vaderlands“ eine große Figur der niederländischen Geschichte wurde.

Auf dem Gipfel des Ruhms dieses Familienstamms bekam Wilhelms Urenkel Wilhelm III. zusätzlich zu seinem inzwischen erblichen Posten des Statthalters der Niederlande ab 1689 auch noch den des Königs von England. Schon seinerzeit war in der Weltgeschichte viel los. In England wurde die Bill of Rights gültig (nicht gerade King Williams Wunsch), außerdem boomte der Kolonialismus. Britische Seefahrer nahmen laufend mehr oder minder neu entdeckte Länder in Übersee in Besitz, darunter die Bahamas. Deren erste Stadt hatte zwar zunächst Charlestown gehießen. Aber dieser Name bezog sich auf Charles II., dessen später Übertritt zum Katholizismus die Engländer unter anderem verärgert und die Wahl des protestantischen Wilhelm von Nassau mitbedingt hatte. So wurde Charlestown halt nach dessen dynastischem Herkunftsort umbenannt, und dieser Name blieb hängen (obwohl dieser Wilhelm der einzige Nassauer auf dem englischen Thron blieb, auf dem bald danach die aus Hannover/ Calenberg kommenden Welfen viel länger saßen …).

Nassau, Eimelsturm Nassau, Grauer TurmWomit übrigens nicht gesagt ist, dass  Nassauer nicht immer noch auf Thronen säßen. Dass Nachkommen gleich beider Linien, die im 13. Jahrhundert aus der Nassauer Teilung entlang der Lahn entstanden waren, „mit König Wilhelm Alexander im Königreich der Niederlande (Ottonische oder Oranische Linie) und mit Großherzog Henri im Großherzogtum Luxemburg (Walramische Linie)“ noch heutzutage amtieren (burg-nassau-oranien.de), ist tatsächlich kurios.

Im Nassau an Lahn ist, muss man sagen, nicht ungeheuer „much to see and do“. Traumsandstrände gibt es nicht, dafür stattliche Grünanlagen an der Lahn. Zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes selbst gehören neben Fachwerkhäusern ebenfalls Türme: der Eimelsturm, der Graue Turm, der im 17. Jahrhundert zur Inhaftierung und Folterung vermeintlicher Hexen gedient haben soll, sowie der achteckige, früh-neogotische Turm des Schlosses Stein.

Nassau, neogotischer Turm des Stein-SchlossesDiesen darf man nur aus gebotener Entfernung angucken, da das Gebäudee privat genutzt wird. Errichten lassen hatten den Turm der Freiherr Karl vom Stein, der als preußischer Modernisierer in der Napoleonszeit viel zur dynamischen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigkeiten im Preußen des 19. Jahrhunderts beigetragen hatte. Im Schloss war er geboren worden und hatte er anno 1807 seine Nassauer Denkschrift verfasst, von der die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz sogar sagen würde, dass sie „die Grundlage des modernen, demokratischen Rechtsstaats mit den Ebenen der Gebietskörperschaften“ (PDF-Faltblatt) darstellt.

Nassau, zwei Stein-Denkmale (eines in Buchstabenform)Die größte Grünanlage an der Lahn heißt heute Freiherr-vom-Stein-Park und enthält sowohl ein Stein-Denkmal in Buchstabenform als auch ein naturalistisches. Auf dem Berg drüber, auf dem auch die Burg Nassau steht, stehen ein weiteres Stein-Denkmal sowie die Ruinenrelikte einer älteren Burg der Steins. Das Denkmal im Park gestiftet hat wiederum Günther Leifheit – der Ehrenbürger des Ortes, nach dem auch das Günther-Leifheit-Kulturhaus benannt ist, mit dessen Bau „im Jahr 2005 ein lange gehegter Traum in Erfüllung“ ging (stadt-nassau.de). Dass Nassau seine Ehrenbürger nicht kräftig ehrt, kann also niemand behaupten.

Nassau, noch ein Stein-Denkmal (im Stein-Park)Wer letzteren Nachnamen mit einem Küchengerätehersteller in Verbindung bringt, hat ebenfalls Recht. Vom Bergfried der Burg Nassau aus (und den sollte besteigen, wer Nassau besucht; das ist die mit Abstand sehenswürdigste Sehenswürdigkeit), sieht man zwischen Bahn und Lahn, die sich durchs Tal schlängeln, die gleich-nachnamige Fabrik am Ortsrand liegen.

Weit zurückreichende und enorm (sozusagen: global) verzweigte Geschichte, in der tiefen Provinz ersonnene, aber lange nachhallende Gedanken und mindestens ein mittelständisches Unternehmen, das seinem Stammsitz offenbar die Treue hält, obwohl die Autobahn nicht ganz nah liegt: In dieser Mischung scheint dieses Nassau ein ziemlich typisch deutsches Städtchen zu sein.

Nassau, Blick von der Burg auf die Stadt (mit nassauischer Fahne)

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