Motoren, Medienfreiheit, Fachwerk (Schorndorf)

Schorndorf, Marktplatz voller FachwerkSchorndorf ist von vorbildlicher Übersichtlichkeit. Nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, 20 Zugminuten hinter Stuttgart in Richtung Westen Osten, liegt der große Marktplatz voller Fachwerkhäuser. Bei einem der ersten Blicke fällt auf, dass gleich zwei von ihnen historische Apotheken beherbergen, die auch aktuell noch als solche betrieben werden. Schorndorf ist sichtlich ein wohlhabendes Städtchen im Auto-Land Baden-Württemberg, an dem es selbst Anteil hat: Gottlieb Daimler wurde dort geboren, einer der beiden Haupt-Erfinder des Verbrennungsmotors (über dessen Zukunft, zumal unter dem Namen des gebürtigen Pariser Schwaben Rudolf Diesel, ja viel diskutiert wird …)

Schorndorf, Daimler-Denkmal und Weiber-von-Schorndorf-Mosaik Naheliegend, dass der untere, noch näher am Bahnhof gelegene Marktplatz vor allem als Parkplatz genutzt wird. Von ihm geht die Höllgasse ab, in der sich Daimlers Geburtshaus, ebenfalls aus Fachwerk, mit einem symbolischen kleinen, vom heutigen Daimler betriebenen Museum darin befindet. Auf derselben Seite des Rathauses steht ein Daimler-Denkmal, und gleich dahinter die erste von zwei weiteren Schorndorf-Denkwürdigkeiten, die vielleicht etwas aus der Zeit gefallen scheinen: das 1960-er-Jahre-Wandmosaik „Die Weiber von Schorndorf“.

Diese „Weiber“ hatten im Jahre 1688 während eines der vielen Kriege im südwestdeutschen Raum, im Pfälzischen Erbfolgekrieg, die Übergabe ihrer Stadt an die französischen Truppen des („Sonnen“-)Königs Ludwig XIV. und seines General Ezéchiel de Mélacs verhindert. Schorndorf war damals eine scharfe Festung. Die Schorndorferinnen erreichten ihr Ziel, indem sie sie sich „zusammenrotteten“, vors Rathaus liefen und „Magistrat und Abgesandte bedrohten“, heißt es im Internetauftritt schorndorfer-weiber.de.

Schorndorf, Weiber-von-Schorndorf-Abteilung im StadtmuseumMélac, dem das Heidelberger Schloss seine pittoreske Ruinenform verdankt, war dann vor allem im deutschen Südwesten für seine Form eines frühen Verbrannte-Erde-„Vernichtungskriegs“ („Die Zeit“ 2004) über Jahrhunderte hinweg berüchtigt. Auch wenn es 1688 wohl eher ums Brand-Schatzen im Sinne von Geld-Erpressen als unbedingt um Zerstörung gegangen sein mochte, dürften die Schorndorferinnen ihrer Stadt und Württemberg, zu dem der Ort schon gehörte, als es noch Herzogtum und sehr klein war, allerhand Leid, Ärger und eben Geld erspart haben. In späteren Zeiten, als häufig von der deutsch-französische „Erbfeindschaft“ (und deutscherseits dabei gerne von Mélac …) die Rede war, wurden sie im ausgreifenden Rückblick zum großen Medien-Thema: „Zwischen 1837 und 1938 dienten die Ereignisse um 1688 als Stoff für 17 Theaterstücke“, berichtet die oben verlinkte Webseite der als karitativer Verein weiterhin aktiven „Weiber“.

Schorndorf, Schloss

Ein Schloss besitzt Schorndorf auch …

Schorndorf, Schloss-Innenhof

… der Innenhof besteht aus – Fachwerk.

In nächsten Erbfolgekrieg keine 20 Jahre später, dem Spanischen, kapitulierte Schorndorf 1707 dann übrigens doch unspektakulär vor den Franzosen. Darauf wurde die Festung, von der kaum noch etwas zu sehen ist, aufgegeben.

Wichtiger für die Gegenwart: Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt, in der Gottlieb Daimler keine Fabriken errichtet hatte, kaum zerstört. Daher stehen so viele Fachwerkhäuser um den Marktplatz.

Nach 1945 haben sich die Kriegsgefahr in Mitteleuropa und die deutsch-französische Feindschaft zum Glück schnell erledigt. Vermutlich deshalb ist es um die Weiber von Schorndorf stiller geworden. Das betrifft sozusagen auch die zweite vielleicht etwas aus der Zeit gefallene Schorndorf-Denkwürdigkeit: einen weiteren gebürtigen Schorndorfer, der zu Daimlers Lebzeiten als vermeintlicher Kämpfer gegen französische Besatzer und für die deutsche Nation sehr berühmt war. Tatsächlich trug das von Johann Philipp Palm in seinem Nürnberger Buchhandel und Verlag angebotene Büchlein den aus heutiger Sicht mehrfach missverständlichen Titel „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“. Auf epoche-napoleon.net lässt es sich lesen (und ist für alle, die sich fürs „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ und sein ziemlich sang- und klangloses Ende interessieren, durchaus lesenswert).

Schorndorf, Palm-Gedenktafel mit Hitler-Zitat von 1942 (im Stadtmuseum)

Palm-Gedenktafel mit Hitler-Zitat von 1942 (im Stadtmuseum)

Tatsächlich waren es französische Soldaten, die Palm hingerichtet haben – 1806 in Braunau. Dem Braunau am Inn, das damals kurz österreichisch war, seit 1816 durchgehend österreichisch ist und zu seinem Leidweisen überhaupt nicht mehr wegen des in ihm vorgenommenen Justizmordes am gebürtigen Schorndorfer berühmt, sondern allein und weltweit wegen des gebürtigen Braunauers. Adolf Hitler ging daher, als er selber noch nicht sehr berühmt war und im Gefängnis sein nurmehr berüchtigtes Buch schrieb, gleich auf der ersten Doppelseite auf den damals umso berühmteren Palm ein. Falls Sie lesen wollen, was genau er schrieb, ohne im Internet nach „Mein Kampf“ suchen zu müssen: Die entsprechende Passage wird im Internetauftritt der Palm-Stiftung zitiert.

Schorndorf, Palm'sche Apotheke am Marktplatz In dieser Gemengelage kein Wunder, dass Johann Peter Palm in der heutigen Wahrnehmung ein Hitler-Problem hat, obwohl er mit den Nazis schon deshalb nichts am Hut hatte, weil es sie zu seinen kurzen Lebzeiten noch gar nicht gegeben hatte. Vielmehr kann dieser Palm aus gegenwärtiger Sicht azcg als geradezu idealtypischer Märtyrer der Medienfreiheit erscheinen. Ungefähr deshalb griff die weiterhin bestehende (und die Palm’sche Apotheke am Marktplatz führende) Familie Palm im Jahr 2002 auf eine Idee zurück, die zu den Schorndorfer Weibern auch schon aufgekommen war, und stiftete zur Erinnerung einen Preis: den Johann-Philipp-Palm-Preises für Meinungs- und Pressefreiheit. Sympathischerweise wird er immer an internationale Journalisten aus Ländern vergeben, in denen es um die Medienfreiheit wirklich schlecht steht (also nicht an die üblichen deutschen Reporterpreis-Preisträger …). Dazu hatte ich im November eine Medienkolumne auf evangelisch.de („Verbreiterhaftung im Jahre 1806“) geschrieben und war dann auch in Schorndorf gewesen. Eine Reise ist es durchaus wert.

Schorndorf, noch mehr Fachwerk am Marktplatz

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