Sie hießen alle immer Heinrich (Greiz)

Greiz, Oberstadt mit Schlossturm vom Greizer Park (vor der Flut) aus Städte mit Schlössern gibt es in Deutschland mindestens so viele wie Städte mit Fußgängerzonen. 22.000-Einwohner-Städte mit insgesamt drei Schlössern gibt es nicht so viele. Greiz (Thüringen) ist eine davon. Leider wurde eine der schlossartigen Anlagen dort  gerade ziemlich in Mitleidenschaft gezogen: Der Greizer Park um das Sommerpalais war für meinen Geschmack einer der schönsten Englischen Gärten im an Schlossparks auch alles anderen als armen Deutschland.

Greiz, Schanzengarten des oberen Schlosses mit Sandstein-Fortuna und Pavillon von 1751Ich sah ihn mir im Mai bei auch schon eher schlechtem Wetter (Foto oben) an. Im Juni führte das Hochwasser der Weißen Elster dann zu „Schäden apokalyptischen Ausmaßes“ (Ostthüringer Zeitung). Eine Bildergalerie auf der Spendenaufruf-Seite (rechte Randspalte) von thueringerschloesser.de zeigt die Überflutung des Parks.

Das Schloss darin war nur der Sommersitz örtlicher Fürsten, also kein Hauptsitz. Heute enthält es eine Kupferstichsammlung sowie das zu DDR-Zeiten, als der Park drumrum Leninpark hieß, gegründete Satiricum.

Greiz, eingenickter Aristokrat im Museum (oberes Schloss)Die beiden anderen Schlösser waren zeitweise beide zugleich Residenzschlösser selbstständiger Fürsten, denn die Gegend um Greiz bildete sozusagen den Gipfel deutscher Kleinststaaterei. Dort im inzwischen thüringischen Vogtland befanden sich die Fürstentümer mit dem Namen Reuß, die immer wenigstens in „Reuß jüngere Linie“ und „Reuß älterer Linie“ geteilt waren, am Ende des 17. Jahrhunderts jedoch gar in „gleichzeitig zehn regierende Linien nebeneinander“ (reussischefuerstenstrasse.de) – und das auf einem wirklich nicht großen Territorium. Die Herrscher dieser Fürstentümer standen lange unter sächsischer und später böhmischer, also österreichischer Lehenshoheit, kämpften aber ausdauernd um mehr Souveränität und Erhebung in höhere Rängen. Völlig souverän wurden sie spätestens, als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu existieren aufhörte. Im Rheinbund der Napoleonszeit waren gleich vier Reußer Fürstentümchen Mitglieder und schickten über 1000 Untertanen in napoleonische Kriege in Spanien und Russland.

Greiz, oberes Schloss und unteres (rechts)Das Residenzstädtchen, das heute wohl (der ehemaligen Hofbrauerei wegen) am relativ bekanntesten ist, war Köstritz. Die relativ größte Stadt der Gegend, Greiz, stellte vom 16. bis ins 18. Jahrhundert gleich zwei Hauptstädte, das heißt, war in Ober- und Untergreiz geteilt. Daher die beiden Schlösser.

Die komplizierten Verzweigungen führen zu skurrilen Sachverhalten. Zum Beispiel folgte nach der Abdankung Heinrichs LXXII., also des 72., als Fürst Reuß zu Lobenstein und Ebersdorf 1848 („die einzige Fürstenabdankung in der Revolution“ von 1848/ 49, protokolliert die Broschüre „Reußische Fürstenstraße“), Heinrich LXII. aus der jüngeren Linie auf ihn, also der 62. Heinrich. Dem wiederum folgte nach seinem Tod der 14. Heinrich (XIV.). Die Zählweisen hängen mit der Verzweigung der Linien und wohl Erhöhungen ihrer adeligen Ränge zusammen sowie damit, dass manche Linien „eine Numerierungsreihenfolge führten, die mit dem Jahrhundert anfing und endete“ (heißt es vor der laangen „Stammliste von Reuß“ in der Wikipedia). Immerhin, umso leichter, sich die eigentlichen Namen der Herrscher zu merken:Sie hießen alle immer Heinrich.

Eine These, wie es zum Namen Reuß gekommen sein könnte, der eigentlich (über die noch leicht geläufige Redewendung vom „Herrscher aller Reußen“) ja als altertümliches Synonym fürs viel, viel größere Russland stand, lautet: Einer der Vorfahren der verzweigten Sippe, Heinrich I. von Plauen, habe sich „um 1247 militärischen Ruhm durch seine Taten gegen die Polen und westlichen Russen“ erworben „und dadurch den Beinamen ‚Ruzze‘, ‚Reuße‘ oder ‚Ruthene‘ erhalten“.

Greiz, Zeitreisefilm (eigentlich 3-D) im Museum mit Heinrich I. und Wilhelm I.Das obere Greizer Schloss ist das ältere und enthält Elemente ungefähr aller kunstgeschichtlichen Stilarten von der Romanik über den Barock bis zum 3-D der Gegenwart. Mit 3-D-Brille kann man sich zumindest den ziemlich irren Film „Glanz und Gloria der Reussen“ ansehen. Darin sucht jener allererste Heinrich anno 1866 den preußischen König Wilhelm I. auf, der wenige Jahren später zum ersten Kaiser des zweiten deutschen Kaiserreichs gekrönt werden wird. Der allererste Heinrich entführt den im Film bereits ziemlich tattrig wirkenden König auf eine durchaus dynamisch geschnittene Zeitreise durch die komplexe Geschichte der reußischen Staatlein. So überzeugt er Wilhelm, den Staat der Greizer Reußen nicht zu annektieren, obwohl der im sog. Deutschen Krieg von 1866 mit Österreich gegen die Preußen gekämpft hatte. Und tatsächlich annektierte Preußen seinerzeit zwar andere gegnerische Staaten wie etwa das Königreich Hannover, beließ Reuß älterer Linie, dessen Hauptstadt das 1768 wiedervereinigte Greiz war, seine Unabhängigkeit. Es bewahrte sie noch bis 1920, als aus eine Menge kleiner und kleinerer Staaten Thüringen gebildet wurde.

Greiz, Gottesgnadentum in einem Deckengemälde veersinnbildlicht (unteres Schloss)Davon, dass jenes Reuß zu Wilhelms Zeiten seine Unabhängigkeit im Prinzip sinnvoll einsetzte, zeugen lange Texttafeln im Unteren Schloss, das ebenfalls ein Museum ist und die neueren Teil der Reußer Geschichte darstellt. Darin geht es etwa um die letzten Fürstentöchter (eine, Hermine, wurde die zweite Frau des letzten Kaisers – allerdings erst nachdem der abgedankt und ins niederländische Exil geflohen war; sie starb 1947 im sowjetisch besetzten Frankfurt/ Oder). Und es geht um Heinrich den XXII., der, als der eben genannte Wilhelm Kaiser geworden war, im Bundesrat saß – dem föderalistischen, theoretisch höchsten Gremium des Deutschen Reiches, in dem freilich keine Volksvertreter saßen, sondern Fürsten, die ihre ererbte Macht gerne von Gottes Gnaden herleiteten.

Greiz, was Heinrich XXII. im Bundesrat zum Krieg in China äußerte (Texttafel im unteren Schloss, Ausschnitt)

Heinrich XXII. über den Krieg gegen China –
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Das tat jener Heinrich auch. Dennoch äußerte er z.B. als einziger im Bundesrat ausdrücklich „völkerrechtliche Bedenken“ gegen die deutsche Beteiligung an der Niederschlagung des Boxeraufstands in China 1900: „Die Fürstliche Regierung kann der Vorlage nicht zustimmen. Sie ist der Ansicht, daß es zu dieser ‚Expedition nach Ostasien‘ nach der Reichsverfassung der vorherigen Zustimmung des Bundesraths bedurft hätte. Es handelt sich thatsächlich um einen Krieg mit China…“. Auch gegen die Aufrüstung und Bismarcks Sozialistengesetze stimmte er. Wären ein paar mehr der seinerzeit theoretisch souveränen Fürsten so drauf gewesen wie jener 22. Heinrich, oder hätte Reuß ältere Linie mehr Einwohner als 43.889 (nach rasantem Bevölkerungsanstieg!) gehabt und sein Herrscher nicht bloß eine einzige von 58 Stimmen in diesem Bundesrat gehabt- womöglich wäre die Geschichte dieses zweiten Reichs besser verlaufen.

Alle der zahlreichen ehemaligen Reußer Hauptstädtchen enthalten Zeugnisse dieser kleinen Staaten. Dass alle Ortschaften uneingeschränkt besuchenswert sind, lässt sich leider nicht sagen. Einige erfüllen Vorurteile, die man gegen die thüringische Provinz hegen könnte, mit echtem Leben. Wer ein Faible für skurrile Kleinststaaten hat, sollte Greiz aber anschauen, erst recht, um die Wiederherstellung des Parks zu unterstützen.

Greiz, Sommerschloss im Greizer Park (vor der Flut)

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