Aus der Staufer- und der Nazizeit (Trifels bei Annweiler)

Die meisten heute als alt besichtigbaren Bauwerke sind über viele Epochen hinweg entstanden und immer wieder verändert worden. Das Ideal der Originalgetreuheit ist ja ein ziemlich neues (und keineswegs unumstrittenes).

An der Burg Trifels bei (genauer: 300 Meter über) Annweiler in Rheinland-Pfalz wurde, dem chronologischen Grundriss im Führungsheft zufolge, in jedem Jahrhundert des zweiten Jahrtausends herumgebaut. Nur nicht zwischen 1602, als ein Blitzeinschlag sie zerstörte, und 1841, als die damals in der Pfalz herrschenden Bayern mit dem Restaurieren begann. Vor allem stammt der Trifels aus den Epochen der Staufer und der Nazis. Die staufischen Kaiser des hohen Mittelalters ließen die Burg zu einer der mächtigsten ihrer Zeit (1138-1250) ausbauen. Ähnlich viel ließen dann erst wieder die Nazis im 20. Jahrhundert bauen. Selbstverständlich wirkten die jeweils vorhergehenden und nachfolgenden Epochen ebenfalls mit. Das heißt, schon in der Zeit der salischen Kaiser ist die Burg anno 1081 erstmals erwähnt worden. Und in der auf die Nazizeit (aus heutiger Sicht: relativ schnell, zum Glück) gefolgten Epoche der jungen BRD wurde halt weitergebaut, was vorher geplant worden war.

Original staufisch, kunsthistorisch  bemerkenswert und recht spektakulär anzusehen ist der nach außen gewölbte Erker des Kapellenraums am Hauptturm der Burg. Aus einigen Blickwinkeln erkennt man auch ziemlich klar (an der Steinfarbe, z.B. hier; ich habe es, als ich letztes Jahr dort war, leider nicht fotografiert), dass dieser Turm im Nachhinein erhöht worden ist. Und zwar sehr im Nachhinein: in den 1960er Jahren. Das geschah aus Gründen der Proportion gegenüber dem sog. „Kaisersaal“ im Palas der Burg. Der war denselben Plänen gemäß schon vor dem im Zweiten Weltkrieg verfügten Baustopp errichtet worden, um

„den gewünschten Raum von Erhabenheit und Größe, der dem Besucher einen Bezug des Dritten Reiches zur Antike und des Mittelalters suggerieren sollte“,

zu erzeugen, heißt es im Internetauftritt der Verbandsgemeindeverwaltung Annweiler. All diese Pläne stammten vom Architekt Rudolf Esterer, der von den 1920er Jahren bis in die 1960er für diese Bauarbeiten verantwortlich war, also über die Nazizeit hinweg, in der auch Adolf Hitler persönlich 200.000 RM zum Ausbau beisteuerte. Im echten Hochmittelalter war der Kaisersaal dagegen wohl „eher ein recht flacher, unter einer Balkendecke hingeduckter Raum“ gewesen, heißt es bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

Zu Ehren der Nachkriegszeit muss aber hinzufügt werden, dass diverse weitere Ideen aus der Vorkriegsplanung, etwa eine  „Ehrenunterkunft für besonders verdiente junge Leute aus der Bewegung“, überhaupt nicht mehr verwirklicht wurden.

„Dass es sich jedoch um eine vollkommene Neugestaltung handelt, eine ‚mittelalterliche Attrappe‘, mit der die Nationalsozialisten mit dem Trifels als ’nationale Weihestätte‘ die vermeintlich wiedergewonnene deutsche Macht und Größe im Dritten Reich demonstrieren wollten“,

steht deutlich wiederum im Online-Text der Verbandsgemeindeverwaltung. In Texten und auf Fotos erschließt es sich auch Trifels-Besuchern. Dennoch wäre interessant zu erfahren, wie viele der über 100.000 Besucher pro Jahr angesichts der Macht des Faktischen des Bauwerks, durch das sie laufen (und zu dem sie auf den 500 Meter hohen Sonnenberg heraufgestiegen oder gefahren sind), nicht doch den Eindruck mitnehmen, eine mittelalterliche Burgruine angeguckt zu haben. Das wäre ja auch der schönere Eindruck, und Ausstellungsstücke wie die Kopie der alten Kaiserkrone und anderer Reichskleinodien, die im Trifels ebenso wie anderswo glänzen, verstärken ihn.

Was die halbalte Burg außerdem (und außer ihrer wirklich schönen Lage) noch attraktiv macht, ist ihre unmittelbare Anschlussfähigkeit an einen der absoluten Top-Plots der globalisierten Gegenwart: an die alle paar Jahre neu verfilmte „Robin Hood“-Story bzw. an eine tragende Nebenrolle darin. Richard Löwenherz, jener König, auf den die edlen Räuber im Sherwood Forest solange warten mussen, wurde seinerzeit (in der der Staufer) aus komplizierten Gründen im Heiligen Römischen Deutschen Reich gefangen gehalten, und das zumindest kurz auch auf der Burg Trifels. Dass sie sich als Gefängnis eignete, sieht man auch dem halbneuen Bau an. Wenn man erfährt, dass einige der mittelalterlichen Bauten unmittelbar auf dort sowieso stehendes Felsgestein aufgesetzt wurden, glaubt man es erst recht.

Überhaupt besteht die Pfalz rund um das gegenüber der Burg unspektakuläre, vielleicht durch ein paar Wassermühlenräder interessante Fachwerkstädtchen Annweiler aus vielen gut überschaubaren bewaldeten Bergen, von denen man gut mehrere am Tag erklimmen kann. Zu behaupten, dass auf jedem zweiten eine alte Burgruine wartet, wäre übertrieben, aber nicht sehr. Bei einigen dieser Ruinen, etwa der namens Anebos, ist es gut, dass dabei steht, dass es sich um eine Burgruine (aus dem 12./ 13. Jahrhundert) handelt. Ansonsten hielte man sie bloß für einen schön bizarren Kletterfelsen, die außerdem viele Pfälzer Berge zieren.

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Ein Kommentar zu Aus der Staufer- und der Nazizeit (Trifels bei Annweiler)

  1. Schmitt Josef / München sagt:

    Möchte diese historische Burg als Modell nachbauen (Maßstab 1:100) – vielleicht sogar mehrere, suche daher Baupläne aus allen Epochen und Zeiten ( Gründung bis Neuzeit) – wer kann helfen ? Danke im Voraus !

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