Echt ’ne Perle (-berg)

Etwas ablegen ist Perleberg, zumindest wenn man per Bahn anreist. Zwar gibt es eine durchgehende Verbindung vom Berliner Norden. Schneller jedoch kommt auch von Berlin aus an, wer in Wittenberge umsteigt. Schön liegt die Stadt aber auch, wie sich schon auf dem Weg vom Bahnhof ins Zentrum schnell zeigt: Perleberg entstand im 12. Jahrhundert auf einer Insel des Flüsschens Stepenitz, das die Altstadt komplett umgibt und schließlich weiter südwestlich in die Elbe mündet.

Perleberg, St. Jakobi-KirchturmAus beinahe allen Blickwinkeln ragt der Kirchturm der Sankt Jakobi-Kirche empor – und prägt sich seiner ungewöhnlichen, quadratisch-länglichen Form wegen auch ein. Schon dass er oben aus rotem Backstein besteht, weiter unten aus Feldstein, zeugt von seiner langen Geschichte, die als Stadtmauer-Turm begann. Darüber schreibt die Gemeinde auf ihrer Webseite:

„… Insbesondere die Turmspitze, hat in den vergangenen Jahrhunderten viele Veränderungen erfahren. Durch einen Blitzschlag und nachfolgenden Brand am 2. Juni 1632 wurde die Turmspitze zerstört. Der Turm wurde mit vier kleinen Ecktürmen versehen, von denen einer 1660 (Sturmscha­den) und die anderen drei 1752 durch ‚Donner‘ beschädigt wurden und entfernt werden mussten. Dann erhielt der Turm einen Fachwerkaufsatz (sog. Laternenaufsatz). 1854 wurde eine neugotische Spitze an dessen Stelle gesetzt, durch die der Turm die Höhe von ca. 80m erhielt. Seit dem großen Brand am 27. November 1916 bildet ein einfaches Satteldach den Turmabschluss“

– womit der derzeitige Turm gut 30 Meter kleiner ist als er in seiner stolzesten, in den 1850er Jahren vom preußischen Hofbaurat Friedrich August Stüler geschaffenen Form war. Der Förderverein Kirchturmspitze St. Jacobi in Perleberg e.V. hofft, ihn wieder erhöhen zu können, was freilich eine teure Angelegenheit wäre und zumindest nicht bald bevorsteht.

Einstweilen gibt es die Möglichkeit, im Gemeindebüro gegenüber am Kirchplatz eine Turmbesteigung zu vereinbaren. Das lohnt sich schon deshalb, weil beim Hinaufsteigen viel von der wendungsreichen Turm-Geschichte zu sehen ist: über 100 Jahre alte Brandspuren zum Beispiel, der hölzerne Dachstuhl des Kirchenschiffs (dessen Inneres Stüler neogotisch neu gestaltet hatte) und die imposanten Glocken. Nicht zuletzt hat man oben einen prächtigen Blick – bis zum knapp 30 km entfernten Havelberger Dom. Dazwischen liegen die Wälder, denen die Prignitz ihren Namen („pregynica“ bedeutet auf slawisch etwa „ungangbares Waldgebiet“) verdankt sowie die ziemlich runde, dem Flussverlauf angepasste Perleberger Altstadt.

Rundumblick bietet die derzeitige Turmspitze nicht. Daher lassen sich das ebenfalls backsteinrote Rathaus nebenan, das ebenfalls Stüler konzipiert hatte, und das Rolands-Standbild auf Marktplatz von oben nicht sehen. Der Schinkel-Schüler und preußische Hofbaurat, dessen Neues Museum auf der Berliner Museumsinsel zum Weltkulturerbe zählt, war über seinen im nahen Pritzwalk arbeitenden Bruder auf Perleberg aufmerksam worden – und zum Glück für seine Zeit vergleichsweise denkmalschutzbewusst. Daher sind auch im Rathaus noch Anteile des wegen Baufälligkeit großenteils abgerissenen älteren Bauwerks erhalten, das einst vom alten Reichtum Perlebergs als wichtiger Hanse-Handelsstadt mit idealer Lage zwischen Berlin und dem deutschen „Tor zur Welt“ Hamburg zeugte. Im 15. Jahrhundert etwa wurden dort im Frieden von Perleberg die Grenzen der Reichsstadt Hamburg festgelegt, die zum Teil noch die heute gültigen des Bundeslands sind.

Perleberg, Schuhwichse im Stadtmuseum

Schuhwichse im Stadtmuseum

Von der langen und wendungsreichen Geschichte der Prignitz zwischen der Zeit vor nicht ganz 3000 Jahren, als im nahen Seddin ein weit überregional bedeutsamer König begraben worden war, über die Besiedlung durch die frühen Germanen (bis die Langobarden auf Völkerwanderung gingen und schließlich in der Lombardei, die noch heute ihren Namen trägt, hängenblieben …) und die Slawen, denen die Prignitz ihren Namen verdankt, bis zu der ebenfalls abgeschlossenen Zeit, in der Perleberg besonders für Schuhwichse stand, erzählt das modern gestaltete Stadt- und Regionalmuseum, das nur eines unter mehreren Museen ist.

Perleberg, das neogotische PostamtUnd auch im Stadtbild stehen eine Menge ansprechend gestalteter Textstelen und lenken Interesse und Blicke auf aufschlussreiche Bauten und Geschuchten. Zum Beispiel auf einem Kriminalfall anno 1809. Damals war das verheerend besiegte Königreich Preußen gerade von den Truppen des französischen Kaisers Napoleon besetzt. Der englische Diplomat Benjamin Bathurst hatte den Bündnispartner Österreich überzeugt, den Krieg gegen Napoleon auch ohne Preußen fortzusetzen. Seine Rückreise aus Budapest nach London via Hamburg unterbrach der Lord in der Perleberger Poststation – und verschwand derart spurlos, dass sein Verbleib noch immer ungeklärt ist. Schreit solch eine englisch-deutsche Kriminalgeschichte nicht nach einer Verfilmung? Die jüngste stammt aus den 1930er Jahren, also der Nazizeit (und wer den Filmtitel „Der höhere Befehl“ bei Youtube sucht, hat gute Chancen, ihn zu finden …). Als Kulisse würde Perlebergs gut erhaltene und inzwischen schön restaurierte Altstadt sich anbieten. Dass das Postamt, an dem jetzt an Bathurst erinnert wird, ein pompös-neogotischer Backsteinbau aus den 1890ern ist, dürfte das Publikum kaum stören.

Perleberg von obenSeine gute Verkehrslage und Position als wichtiger Schnittpunkt mehrerer Postrouten behielt Perleberg noch bis – wie Sie in diesem Blog gelesen haben könnten – in die 1840er Jahre, als der Kaufmann Salomon Herz dafür sorgte, dass die neue Eisenbahnlinie zwischen den größten deutschen Städten Berlin und Hamburg über den Standort seiner Fabriken, Wittenberge an der Elbe, führte (vgl. den überallistesbesser.de-Text über diese Nachbarstadt).

So stieg eben Wittenberge zu der wichtigen Industriestadt auf, die es bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts blieb. Das industriell abgehängte Perleberg beherbergte nur einige wenige Fabriken für weniger aufwändige Produkte, wie zum Beispiel die schon erwähnte Schuhwichse, die im preußischen Militarismus für glänzende Stiefel wichtig war … – und konnte weitgehend die städtebauliche Perle bleiben, die es noch (oder seit der Altstadtsanierung der vergangenen Jahrzehnte wieder) ist.

Perleberg, Marktplatz mit Roland und Rathaus

Dieser Text entstand mit freundlicher Unterstützung der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH.

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