Gutes Beispiel: Finsterwalde

Manche Orte sehen ungefähr so aus, wie sie heißen, manche weniger. Finsterwalde in Brandenburg etwa wird nicht besonders durch Wald geprägt – die Stadt liegt in der Niederlausitz, von der inzwischen oft als einer der letzten Braunkohleregionen die Rede ist. Und finster ist es auch nicht. Eher fällt, wenn man per Bahn anreist, gleich die ziemlich großzügige Bauweise auf.

Interessante Häuser in unterschiedlichen Stilarten, Backstein-Neogotik des späten Kaiserreichs oder Waschbeton-Plattenbau der mittleren DDR, ziehen sozusagen rein in die Stadt. Warum sie sich in einer Imagebroschüre (PDF) auch als „Geheimtipp für Architekturinteressierte“ bezeichnet, leuchtet bald ein. Auf dem Weg zum Zentrum kommt man außer am weithin sichtbaren Wasserturm an einem Kino mit extravaganter Blech-Verkleidung aus den 1970ern vorbei, und an viel Jugendstil.

Außer einem der wohl verziertesten Sparkassen-Sitze Deutschlands verdienen Schulgebäude des vor und nach der Nazizeit renommierten Architekten Max Taut Erwähnung. Nicht weit vom Marktplatz sind dann noch Sägezahndach-Fabrikhallen wiederum aus Backstein zu sehen, die hinter Zäunen zu schlummern scheinen. Wer sich dem Komplex von der anderen Seite nähert, sieht aber, dass die Fabrik durchaus in Betrieb ist. Ja, zeigt sich im Internet, es ist sogar einer der bekanntlich nicht sehr zahlreichen Industriebetriebe mit Hauptsitz in Ostdeutschland.

Auf Freunde älterer Architektur wartet eine Kirche, die kleiner nicht nur als der Wasserturm wirkt, sondern auch als sie ist, da das Satteldach mit gotischem Netzrippengewölbe innen fast so hoch ist wie das Türmchen. Überdies gibt es ein vielleicht eine Spur zu piccobello restauriertes Renaissanceschloss. Dort residierten einst Ritter als Lehensnehmer der Herzöge und Kurfürsten in Dresden (denn bis 1815 gehörte Finsterwalde zu Sachsen), inzwischen tut’s die Stadtverwaltung.

Außer Architektur reizt noch etwas, danach die Augen offen zu halten: was mit „Sänger“. Eine Sauna, ein Autohandel und Stadtbusse nennen sich zum Beispiel so, offiziell beauftragte Graffitis und mehrere Denkmäler verweisen auf die „Sängerstadt“, obwohl, zumindest an einem frühlingshaften Wintertag, im Stadtbild sonst keinerlei Sänger auffallen. Warum Finsterwalde sich „Sängerstadt“ nennt, hat mit einem Hit oder, wie die Menschen damals sagten: Gassenhauer von der vorletzten Jahrhundertwende zu tun. Diese Geschichte erzählt liebevoll das Sänger- und Kaufmannsmuseum (in dem daher auch Menschen, die, wie ich, eigentlich keine Fans von Audio-Guides sind, einen solchen mitnehmen sollten).

„Die Sänger von Finsterwalde“ hieß ein Bühnenstück des Berliner Musikproduzenten Wilhelm Wolff. Der Chef der Sängertruppe bzw. Band „Die Hamburger Sänger“ hatte mit „Ist denn kein Stuhl da für meine Hulda“ bereits einen Hit verzeichnet (der im 21. Jahrhundert natürlich zum Abruf bereit steht). Seine Verwechslungskomödie wurde 1899 in den „Germania-Prachtsälen“ in der Chausseestraße in Berlin-Mitte uraufgeführt und war vermutlich vor allem deshalb erfolgreich, weil bei geschätzt nur 20-minütiger Dauer drei tölpelhafte Gestalten mit den sprechenden Namen Pampel, Knarrig und Strippe 14-mal das Lied „Wir sind die Sänger von Finsterwalde“ anstimmten. Wiederholung von Eingängigem war eben schon immer ein Schlüssel zum Erfolg. Warum der Dichter sie aus Finsterwalde stammen ließ, liegt auf der Hand: wegen des noch sprechenderen Namens der Ortschaft, die er vermutlich persönlich gar nicht kannte. Er steht idealtypisch für Hinterwäldler.

Die Finsterwalder haben sich seinerzeit dementsprechend wohl auch geärgert – aber nicht lange. Nachweislich spätestens 1901 zeigten sie eine Reaktion, an der sich tief im 21. Jahrhundert immer noch ein Beispiel nehmen ließe: Sie nahmen die abwertend gemeinte Bezeichnung an, deuteten sie in ihr Gegenteil um und sangen tatsächlich. Gewiss sind die Finsterwalder Sänger nicht mehr überall so weltberühmt wie ums Jahr 1900 herum in Deutschland und in und um Finsterwalde immer noch. Doch findet dort alle zwei Jahre (immer in geraden Jahren) das Finsterwalder Sängerfest mit gut 100.000 Besuchern statt, und auch sonst wird dort viel gesungen. Und dass die Finsterwalder sich im Lauf des Jahrhunderts die Sangesfreude in ihren sehr unterschiedlichen Formen (bis zu den zurzeit beliebten Castingshows) anverwandelt haben, zeigt das Museum.

Wilhelm Wolff hat sich anno 1912 wegen inzwischen eingetretener Erfolglosigkeit das Leben genommen, berichtet wie die Wikipedia. Wie sein Schlager noch 100 Jahre später ein rundum respektables Nachleben führt, ist eine weit über Finsterwalde hinaus erzählenswerte Geschichte.

Dieser Text entstand mit freundlicher Unterstützung der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH.

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