Krasse Mischung (Mainz)

Da hier schon länger nichts mehr erschien, rasch der Hinweis auf meine aktuelle evangelisch.de-Medienkolumne. Darin geht es um das Mainzer Gutenberg-Museum, dessen Zukunft nach einem Volksentscheid gegen einen geplanten Erweiterungsbau namens „Bibelturm“ gerade unklar ist, aber auch um die Stadt selbst.

„Schon auf die ersten Blicke ist Mainz eine besonders krasse Mischung aus (oft restauriertem) Barock der Kurfürstenzeit, in der es jahrhundertelang eine der wichtigsten deutschen Städte war, und Brutalismus der 1970er Jahren (wie dem Rathaus direkt am Rhein) sowie weiteren Nachkriegs-Stilen“,

schrieb ich da unter anderem. Es gibt wohl kaum eine Stadt, in der so viele Baustile so bunt zwischeneinander stehen.

Das hat mit viele Zerstörungen aus unterschiedlichen Gründen zu tun. Mainz wurde nicht nur sehr gründlich 1945 zerstört, sondern zum Beispiel auch 1793, damals von deutschen Truppen, sozusagen den letzten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation (HRR), während sie die damals französisch besetzte Stadt belagerten. Unmittelbar davor war Mainz sehr, sehr kurz die erste richtige Republik auf deutschem Boden gewesen, dann nur unwesentlich länger Teil des damals höchst revolutionären Frankreich, geriet nach der Rückeroberung noch ein letztes Mal kurz unter die Herrschaft der letzten Erzbischöfe und Kurfürsten, bevor es ein bisschen länger noch mal Teil Frankreichs wurde, das sich gerade von der Republik zum Kaiserreich entwickelte und in seinem neuen Mayence auch einiges abriss.

Nach Napoleons Zeit war Mainz dann einerseits Teil des frisch zum Großherzogtum aufgestiegenen Fürstentümchens Hessen-Darmstadt, andererseits Festung der Truppen des Deutschen Bundes, die vor allem preußische und österreichische waren. Explosionen des seinerzeit üppig dort gelagerten Pulvers richteten weitere Zerstörungen an …

Eine enorm wendungsreiche Geschichte hat Mainz also, und dass es vor allem ein paar (wenige) Jahrhunderte lang Provinzhauptstadt der Römer war, und über deutlich mehr Jahrhunderte hinweg die mehr oder weniger die zweitwichtigste Stadt des HRR, in der viele Adelssippen sich dort Stadthöfe erbauten, die auch noch oft in der quirlig-prallvollen Mainzer Innenstadt rumstehen und für den hohen Anteil restaurierten Barocks sorgen, ist damit ja noch gar nicht erwähnt.

Die Relikte aller dieser Zeiten in Mainz zu erkunden, ist für kulturhistorisch halbwegs interessierte Besucher spannend. Und immerhin einzelne Spolien, also erhalten gebliebene Bestandteile aus irgendwelchen Gründen zerstörter oder abgerissener Gebäude, stehen zu lassen, war und bleibt eine gute Idee der Mainzer.

Dass sie nicht noch einen ganz neuen Bibelturm auf dem Marktplatz (beziehungsweise dem in den Marktplatz übergehenden Platz daneben) haben wollten, lässt sich aber auch gut verstehen.

 

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