Palast der Bauernrepublik? (Oberharmersbach)

harmerstal-reichstalhalleDie Reichstalhalle in Oberharmersbach erinnert an den Palast der Republik der alten DDR? Davon weiß man im Schwarzwald nichts, erst mal natürlich mit Recht. Schließlich stand der Palast, der derzeit durch das neu nachgebaute Schloss ersetzt wird, einst mitten in Ost-Berlin. Die Halle dagegen liegt tief im Südwesten nahe des idyllischen Harmersbachs im größten deutschen Mittelgebirge …

harmerstal-reichstalhallen-schildRein namentlich allerdings erinnert die Reichstalhalle ans ehemalige Reichstal im Harmersbach. Diese ziemlich einzigartige Einrichtung wird als „‚einzige freie Bauernrepublik‘ des Heiligen Römischen Reiches“ beschrieben (Wikipedia). Und der bislang letzte Arbeiter- und Bauernstaat der deutschen Geschichte war nach eigenem Anspruch ja nun mal die DDR.

Tatsächlich wurde die Reichstalhalle im Jahr 1981 eingeweiht. Das heißt: nur fünf Jahre nach dem seinerzeit durchaus modernen Ost-Berliner Palast. Architektonisch könnte sie durchaus ein wenig am Bungalowstil der 1970er Jahre orientiert sein. Und der fürs Auge nicht unangenehme bräunliche Farbton (was natürlich nicht politik-metaphorisch zu verstehen ist) mag an die bronzierten Fenster des DDR-Palasts erinnern.

harmerstal-trachtenausstellung-in-der-reichstalhalleAktuell könnte die Reichstalhalle für eine Gemeinde mit rund 2.500 Einwohnern einen Tick überdimensioniert wirken. Wie mir die Mitarbeiterin der in der Halle ansässigen Touristinfo sagte, werde sie aber von Sportvereinen, für Tischtennis und im Winter zum Fußball, sehr wohl benutzt. Wer möchte und in der Touristinfo fragt, kann sich außerdem eine kleine Trachten-Ausstellung im Foyer ansehen. Uneingeschränkt für eine Sehenswürdigkeit gehalten wird die Halle allerdings nicht in Oberharmarmersbach: Weder der Wikipedia-Artikel über den Ort noch die Sehenswürdigkeiten-Auflistung auf oberharmersbach.de erwähnen sie auch nur.

harmerstal-harmersbachSehens- sowie wandernswert sind jedenfalls das Tal selbst und der 12 Kilometer lange „Reichstalpfad“, der zwischen Unter- und Oberharmersbach durch es hindurch führt. Im oberen Abschnitt, am Gasthof „Zur Linde“, rauscht der Bach so laut, dass man vorbeifahrende Autos so gut wie gar nicht hört. Und unterwegs informieren Texttafeln über die wie so wie jede deutsche Territorialgeschichte verwickelte Vergangenheit des Tals. Zeitweise gehörte es zum Besitz der Reichsstadt Zell, die heute Zell am Harmersbach heißt und für sich selbst den Superlativ, einst „die kleinste Reichsstadt“ gewesen zu sein, in Anspruch nimmt.

Später war das Tal dermaßen kompliziert an die jeweils entfernt residierenden Grafen von Fürstenberg und Fürstbischöfe von Straßburg verpfändet worden, dass die wenigen Bauern, die es bewohnten, sich offenbar relativ viel Freiheit bewahren konnten. 1689 und spätestens 1718 anerkannten der Kaiser in Wien und dann auch Zell selbst diese Freiheit an, sodass von dann bis zur Napoleonszeit das „Reichstal“ offiziell ein ziemlich souveränes Staatsgebilde war.

harmerstal-reichstalpfad-startIm Kriegsfall, wenn das HRR angegriffen wurde, musste die kleinste Reichsstadt Zell sechs Soldaten für die Reichsarmee abstellen, erfährt man im dortigen Heimatmuseum im Storchenturm. Das Reichstal musste zwei Soldaten stellen. Es dürfte mit „nahezu 60 Quadratkilometern“ Größe zwar nicht nach Fläche, aber nach Einwohnerzahl einer der allerkleinsten deutschen Kleinststaaten gewesen sein.

Diese Vielfalt der Formen gehört genau so wie die Tatsache, dass das Heilige Römische Reich Krieg nur dann führte, wenn es angegriffen wurde, aber selber nie angriff, zu den den Aspekten, die dieses HRR (das mit aus aktuellen Schlagzeilen geläufigen „Reichsbürgern“ übrigens gar nichts zu tun hat) trotz seines pompösen Namens heute sympathisch erscheinen lassen …

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