Berühmteste Hose (Buttenheim)

Buttenheim, Schloss (aus dem 18. Jahrhundert)Buttenheim besteht aus einer Hauptstraße, an deren Rand manchmal Bürgersteige verlaufen, aus Autobahnzubringern, der Autobahn selbst natürlich sowie einigen Sackgassen. Es ist, nur leicht überspitzt formuliert, ein bayerischer Ort im Griff der Autos – die die Bayern freilich mit so viel Leidenschaft fahren, bauen und in alle Welt exportieren, dass sie ihn wohl kaum als Würgegriff empfinden. Wer auf die Idee kommt, in Buttenheim zu verweilen, z.B., weil es sich als „Eingangstor zur fränkischen Schweiz“ bezeichnet, sollte aber selbst ein Auto dabei haben. Die Begriffe „Ab-“ oder „Ausfahrt“ träfen es besser.

Buttenheim, St.-Bartholomäus-KircheDer Begriff „Stadt“ wäre für Buttenheim trotz allerhand eingemeindeter Dörfer zu hoch gegriffen. Andererseits brummt die Wirtschaft, die von der Autobahnnähe natürlich profitiert. „Wussten Sie beispielsweise, … dass der Olympiasieger Georg Hackl auf von der Firna H.O.T. gehärteten Kufen von Erfolg zu Erfolg rodelte“, fragt eine in Buttenheim ausliegenden Broschüre (PDF) im Rahmen einer Aufzählung örtlicher hidden champions der Weltwirtschaft. Für solche Ortschaften gibt es im südlichen deutschsprachigen Raum den Begriff Markt.

Die Silhouette Buttenheims im engeren Sinne bestimmen eine Kirche und zwei Brauereien, die direkt nebeneinander am Marktplatz stehen, an dem sich außerdem noch ein (gutes) Hotel befindet, und sonst nichts. Das heißt, die Kirche natürlich; sie steht gegenüber. Beide Brauereien bieten jeweils eine Gastwirtschaft und sind, wie viele in der enorm brauereienreichen Gegend, sehr gut. Das Georgenbräu besitzt die Domain kellerbier.de, die andere heißt Löwenbräu. Sie sollen mal von Brüdern geführt worden sein, haben heute aber wohl nichts mehr miteinander zu tun, außer dass sie sich nebeneinander in der Buttenheimer Marktstraße befinden.

Buttenheim, die eine Brauerei Buttenheim, die andere BrauereiDie Kirche verblüfft, indem sie einige Jahrhunderte weit auseinanderliegende Baustile verbindet. Womöglich stand dort, wo sie nun steht, gar einst eine der „vierzehn Slawenkirchen, die auf Befehl Kaiser Karls des Großen vom Würzburger Bischof … errichtet wurden“, als die Gegend gerade slawisch besiedelt war und von den Franken erst erobert wurde. Das vermutet zumindest die Wikipedia. Die erwähnte Broschüre ist zurückhaltender.  Jedenfalls gehörte der Turm zu einer Wehrkirche und wirkt in seiner Gedrungenheit eher romanisch als gotisch. Die Portal-Seite dagegen ist so barock oder gar rokoko-esk, wie es die prunkfreudigen Fürstbischöfe aus dem nahen Bamberg gerne hatten. Die kunsthistorisch dazwischen liegende Renaissance fehlt irgendwie.

„In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die alte Kirche als zu klein und zu finster empfunden. Sie wurde abgebrochen und  durch einen  aufwändigen Neubau ersetzt. Lediglich der Turm  und die Sakristei des alten Gotteshauses blieben be­stehen und wurden in den im Jahr 1757 fer­tiggestellten Neubau eingebunden“,

informiert die erwähnte Broschüre. Womöglich entspricht die Baugeschichte der des Ortes. Denn

„Buttenheim befand sich nicht einheitlich in der Hand eines einzigen Grundherren. Die einzelnen Höfe gehörten verschiedenen reichsadeligen Geschlechtern“,

Buttenheim, Bierhumpenheißt es ebendort (S. 8). Die Broschüre zählt dann sechs solcher Reichsritter-Sippen auf, bevor sie zu den Herren von Stiebar gelangt, die in Buttenheim am relativ längsten herrschten. Im heutigen, kleinen Schloss residierten sie jedoch nicht. Das hatten noch andere Nachfolger anno 1774, nach dem Aussterben der Stiebars, an der Stelle des Vorgängerbaus errichten lassen.

Und vielleicht hatten die unterschiedlichen Herrscher der einzelnen Höfe auch unterschiedliche Ansichten, wie die Kirche aussehen sollte. Denn die Reichsritter-Sippen wurden schon im 16. Jahrhundert evangelisch. Das Hochstift Bamberg war „ebenfalls begütert“ in Buttenheim, hatte auch „einen Amtmann eingesetzt“ und war bekanntlich sehr katholisch. Mit den Rittern stritt es intensiv, wobei eines von ursprünglich zwei Buttenheimer Schlössern zerstört wurde. Im Jahr der französischen Revolution, 1789, soll das späte Heilige Römische Reich Deutscher Nation aus circa 1789 im Prinzip souveränen, teils sehr kleinen Staaten bestanden haben (in denen freilich teilweise die gleichen Herrscher herrschten). So ungefähr kann man sich das wohl vorstellen.

Buttenheim, Levi-Strauss-MuseumEine positive Folge der Zersplittertheit bestand darin, dass gerade in sehr kleinen Ritterherrschaften, deren Herrscher über jeden Untertanen froh waren, sich Minderheiten ansiedeln konnten, die anderswo nicht geduldet waren oder oft vertrieben wurden. Wobei es den lokalen Herrschern natürlich um Steuern ging.

„Ab ca. 1670 erlaubten die Herren von Stiebar einigen Familien, sich auf dem Gelände des 1525 im Bauernkrieg zerstörten Schlosses anzusiedeln“,

informiert die Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum.

Buttenheim, am Levi-Strauss-MuseumAnno 1810 war Buttenheims Bevölkerung zu 20 Prozent jüdisch. Das erfährt man in der größten touristischen Attraktion des heutigen Marktes. 1829 wurde dort dann als Sohn eines Tuch- und Kurzwaren-Hausieres Löb Strauss geboren, der später mit seinen Schwestern Vögela und Mathilde und der Mutter nach Amerika auswanderte, wo er sich mit Vornamen lieber Levi nannte (und Vögela sich Fanny).

Das Fachwerkhaus, in dem die Levi geboren wurde und die Strauss bis 1847 gewohnt hatten, ist so gut restauriert, dass niemand ahnt, dass es aus dem Jahr 1687 stammt und eines der ältesten Gebäude des Orts sein soll. Dort „dreht sich alles um die wohl berühmteste Hose der Menschheitsgeschichte“, also die Jeans, als deren Erfinder Strauss gilt. Ungeheuer viel zu sehen aus der Buttenheimer Vergangenheit gibt’s im Levi-Strauss-Museum nicht, eher aus Audioguides zu hören. Nichts zurückzulassen gehörte zum Auswandern eben dazu. Und die Zeitungsanzeige zum Beispiel, mit der Auswanderungswillige im Königreich Bayern, zu dem Buttenheim im 19. Jahrhundert gehörte, ihre Auswanderungsabsicht anzukündigen hatten, damit eventuelle Gläubiger noch darauf hätten reagieren können, ist durchaus aufschlussreich. Aus der kalifornischen Vergangenheit gibt’s schon etwas mehr zu sehen. Weil, wie sich bereits am grafischen Auftreten des Museums erkennen lässt, zu den Förderern die Levi Strauss Germany GmbH gehört, zählen zu den Ausstellungsstücken vor allem Jeans – darunter eine aus dem Jahre 1880, die der Konzern nach Museumsangaben für 46.532 Dollar ersteigert hat.

Buttenheim, Levi-Strauss-RingBis Ende Mai läuft noch eine Sonderausstellung über „Jeans in der DDR“, die dermaßen lustvoll die Unterlegenheit von Ost-Jeans gegenüber echten Levi’s postuliert, dass man sich schon ärgern könnte, auch wenn man selbst niemals „Cottinos“ (wie Ost-Jeans erst mal hießen) trug. Andererseits weckt die Ausstellung so das Bewusstsein wieder, dass Jeans einst einen Inbegriff des westlichen Kapitalismus darstellten – und von ihren Herstellern offenbar auch so verstanden wurden …

Buttenheims jüdische Gemeinde löste sich durch Abwanderung und Auswanderungen wie der Strauss‘ schon vor der Nazizeit auf. Im Rückblick muss man natürlich sagen: Da hat sie alles richtig gemacht.

Buttenheim, jüdischer FriedhofEtwas oberhalb der Ortschaft, wenn man dem Levi-Strauss-Ring folgt und ortsauswärts Richtung Wald geht, findet man aber noch den jüdischen Friedhof „mit seinen fast 300, zumeist alten, Grabsteinen und einem Tahara-Haus“. Er sei zuletzt 1937 noch einmal benutzt worden, heißt es. Ich meinte, auf einem Grabstein die Jahreszahl 1938 gesehen zu haben. Aber das war von weitem, der Friedhof ist natürlich abgeschlossen.

„Zu Kriegsbeginn lebten in Buttenheim bereits keine jüdischen Bewohner mehr, denn die letzte Familie hatte den Ort Anfang Juni 1939 verlassen und war nach Großbritannien emigriert“ (jüdische-gemeinden.de noch mal).

Buttenheim, Silhouette mit Kirche und zwei Brauereien

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Ein Kommentar zu Berühmteste Hose (Buttenheim)

  1. Jan sagt:

    „Für solche Ortschaften gibt es im südlichen deutschsprachigen Raum den Begriff Markt.“
    -> im nördlichen Deutschland spricht man von „Kaff“.

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