Graffitiwand und Luther-Superlativ (Neuburg/ Donau)

Neuburg, Sgraffitiwand im Schlosshof Vor einigen Jahren hatte mal jemand von den „Klowänden des Internet“ geredet und einen kleinen Shitstorm geerntet. Zu behaupten, dass inzwischen sämtliche Innenstadt-Gebäudewände in Sprüh-Reichweite das wären, was früher Klowände waren, wäre ähnlich unsachlich. Graffiti sind aber jedenfalls omnipräsent in der Gegenwart.

Neuburg, Sgraffiti mit deutschen Texten

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Eine lange Geschichte haben sie auch. Das Wort stammt aus dem Italienischen und ist vom Verb sgraffiare, kratzen abgeleitet. Konkret wurde „ein dunkel eingefärbter Unterputz mit einer hellen Kalktünche überstrichen, aus der die Darstellung herausgekratzt wird, so dass die Zeichnung dunkel auf hellem Grund erscheint“, erklärt der amtliche Führer der Bayerischen Schlösserverwaltung zum Schloss in Neuburg/ Donau (Bayern). Denn wer in dessen Innenhof tritt, den überrascht eine ziemlich gewaltige und alte Sgraffitiwand.

Philipp Ludwig, letzter evangelischer Neuburger FürstGekratzt wurde sie in den 1560er Jahren von Hans Schroer dem Älteren im Auftrag des damals im Renaissanceschloss residierenden Pfalzgrafen Wolfgang von Zweibrücken. Im folgenden Jahrhundert wurden die Sgraffiti wieder (was heute ja manchmal auch noch geschieht) übertüncht. Deshalb schafften sie es recht gut erhalten in die Gegenwart.

Dieses Kratzen und Übertünchen ist Teil der verwickelten Regional- und Religionsgeschichte, die sich auf dem eigentlich übersichtlichen Gebiet rund um den Ort an der bayrischen Donau ereignet hat. Um in irgendeiner überregionaleren Darstellung auftauchen zu können, ist sie viel zu komplex. Aber das Internet bietet inzwischen Platz dafür.  Junge-pfalz.de und weitere Webseiten erzählen die Regionalgeschichte nach.

Neuburg, in der lutheranischen KapelleWas die Religion betrifft, so gehören zwei Konfessionswechsel dazu: einerseits die Reformation im Sinne Martin Luthers, die der erste Herzog des gerade erst (aus einem der damals zahlreichen Erbfolgekriege, dem Landshuter) neu entstandenen Herzogtums Pfalz-Neuburg einführte. Dieser seinen Porträts zufolge korpulente Fürst trug den recht originellen Namen Ottheinrich. Er baute die vorhandenen Burganlagen mächtig aus, verschuldete sich enorm und unternahm u.a. eine Reise nach Polen (woher seine Frau stammte; das Ziel, Geld aufzutreiben, wurde nicht erreicht; weil diese Reise aber gut dokumentiert wurde, ist sie seit einiger Zeit wieder relativ präsent und tauchte zum Beispiel in der Berliner 1000-Jahre-Polen-Deutschland-Ausstellung 2011 im Gropius-Bau auf).

Neuburg, Donau (und und und)In Ottheinrichs Zeit passierte noch viel viel mehr, vor lauter Verschuldung dankte der Fürst z.B. zwischenzeitlich ab, wurde dann doch wieder Herzog in Neuburg – um kurz darauf noch nach Heidelberg weiterzuziehen, weil er überdies den klangvolleren Kurfürstentitel der bedeutenderen Pfalz ererbt hatte. Zwischendurch hatten die Truppen Karls V. das Neuburger Schloss erobert und geplündert – also des deutschen Kaisers, der auch spanischer König war und vor allem noch erstens durch den (eigentlich von Friedrich Schiller gedichteten) Satz „In meinem Reich geht die Sonne nicht unter“ und zweitens als Luther-Gegenspieler geläufig ist.

Neuburg, Schloss von außen mit lutheranischer Kapelle (zweiter Eingang von rechts)Denn Ottheinrich hatte sich eben der Reformation angeschlossen. Insofern gelangte durch seine Schlossausbauten nach Neuburg, was heute als „der früheste protestantische Kirchenraum Deutschlands“ gilt, bzw. als „ältester für den protestantischen Ritus erbauter Kirchenraum“ (wie wiederum der amtliche Führer der Bayerischen Schlösserverwaltung schreibt). Als „Ort, in dem die erste evangelische Kirche gebaut wurde“, gilt Torgau an der Elbe, weiß evangelisch.de. Doch die wurde 1544 (ein-)geweiht, in Neuburg entstand bloß ein von außen gar nicht erkennbarer  Kapellenraum, der dafür ein Jahr früher fertig wurde, 1543. Insofern können wohl beide Städte ihren Luther-Superlativ behalten.

Anzugucken ist die Kapelle gleich im Eingangstor zum Schloss, noch bevor man zu den Graffiti gelangt.

Neuburg, evangelisch begonnene, katholisch beendete Hofkirche Unsere Liebe FrauDer zweite Konfessionswechsel ging dann zurück zum Katholizismus und wurde von Ottheinrichs Nachnachnachnachfolger Wolfgang Wilhelm 1614, kurz vor Beginn des damals heftigsten Krieges, des Dreißigjährigen, vollzogen. Er ließ die von seinem Vater evangelisch begonnene Stadtkirche von den Jesuiten katholisch fertigbauen. Wie in der damaligen „cuius regio, eius religio“-Zeit üblich, mussten alle Untertanen den Wechsel mitmachen.

Man lehnt sich nicht aus dem Fenster mit der Annahme, dass dabei nicht ausschließlich Glaubensgründe eine Rolle gespielt haben: Damals konkurrierten in einem weiteren Erbfolgestreit die Fürsten von Pfalz-Neuburg mit denen von Brandenburg (aka Preußen) um Erbansprüche an den westdeutschen Fürstentümchen Jülich, Berg und Kleve. Die Brandenburger waren ebenfalls Protestanten, einflussreiche Mächte wie der Kaiser und die Franzosen dagegen katholisch. Insofern brachte eine katholische Heirat Wolfgang Wilhelm starke Alliierte, und und und…

Und die Sgraffiti, die nämlich die biblische Josephsgeschichte „im Geist der Reformation“ (so der amtliche Schlossführer) darstellten und das gar noch mit deutschen Texten (wie sie in der katholischen Kirche ja auch selten sind), ließ Wolfgang Wilhelm wegmachen. Was sie wiederum für die Nachwelt bewahrte.

Neuburg, in der MuschelgrotteDie Neuburger Herrschersippe ist mit dem Wechsel nicht so schlecht gefahren, sie teilte sich die westdeutschen Länder mit den Brandenburgern, wurde mächtiger, residierte später unter anderem in Düsseldorf (als Hauptstadt von Berg) statt in Neuburg, das seine größere Rolle allmählich ausgespielt hatte, und mündete schließlich in die Linie der Wittelsbacher, die 1777 Bayern erbte, kurz bevor es richtig groß und Königreich wurde.

Außer den beiden relativen Sensationen der Sgraffiti und der ersten evangelischen Kapelle enthält das Schloss in Neuburg auch noch eine skurrile Muschelgrotte sowie ein großes Museum unter anderem mit allerhand Rubens-Bildern (weil der Maler zwar Niederländer war, aber doch Hardcore-Katholik, und für jenen Wolfgang Wilhelm Auftragsarbeiten übernahm).

Neuburg, Stockschützen (ohne Eis)Der Nicht-ganz-30.000-Einwohner-Ort enthält außerdem unter anderem einen großen Englischen Garten und die Donau, die dort vor der Einmündung des Rhein-Main-Donau-Kanals noch unschiffbar ist, und deshalb ein großer ruhiger Fluss.

Wenn dann noch die Sonne scheint (ich war im Mai dort) und auf dem Marktplatz die Stockschützen des FC Gerolfing ihre Sportart vorführen, könnte man Neuburg ein fast provozierend schönes Städtchen nennen.

Neuburg, Schloss mit Donau davor

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2 Kommentare zu Graffitiwand und Luther-Superlativ (Neuburg/ Donau)

  1. mats sagt:

    Könntest du nicht Google Maps oder sowas in eine Randspalte setzen, und darauf alle die Städtchen markieren? Das fände ich hilfreich (-er als Google Ads) 😉

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