Immer zumindest etwas los (Andernach)

Andernach, Burgruine2Andernach (Rheinland-Pfalz) ist wie viele Städtchen am Rhein sehr alt. Beim Durchfahren mit dem Zug sieht man den Gemäuern zwar nicht an, ob sie nun aus der Römerzeit stammen oder aus dem Mittelalter – aber dass in ihnen immer und immer wieder dieses und jenes in- und übereinander gebaut worden ist.

Andernach, rheinromanische LiebfrauenkircheRheinromanische Kirchen mit vielen Türmen prägen das Stadtbild in ähnlichem Ausmaß wie circa postmoderne Schnellstraßenbrücken, die sich am Ortsaus- bzw. -eingang in gewagt geschwungenen Bögen über das Ensemble erheben. (Ob solche Bauten ein Kennzeichen sozialliberaler Konjunturpakete der Kurt Beck-/ Rainer Brüderle-Zeit sind, oder das bloß ein Vorurteil meinerseits ist, weiß ich noch nicht).

Andernach, Villa RegiaIn Andernach werden zum Beispiel gerade auf dem Gelände einer abgerissenen Malzfabrik ziemlich im Zentrum Funde freigelegt, die zeigen, was für ein wichtiger Hafen sich zur Zeit der Römer dort befunden haben soll. Daneben steht ein Gebäude, das Mitte des ersten Jahrtausends eine Königspfalz der fränkischen Merowinger war, zuvor ebenfalls römisch und viel später im 19. Jahrhundert ein Hotel, als dessen damalige Gäste ein russischer Zar und Victor Hugo (der französische Schriftsteller, der solche linksrheinischen Städte auch schön fand und gern nach Frankreich eingemeindet hätte, vgl. hier/ PDF) heute gern genannt werden.

Andernach, runder TurmAndernach umgibt wie anderswo in der Gegend auch ziemlich viel erhaltene Stadtmauer. Auf der einen Seite gehört dazu ein 56 Meter hoher Turm, der 1689 (im Pfälzischen Erbfolgekrieg) einem Sprengversuch der Armeen des sog. Sonnenkönigs Ludwig XIV. standhielt, auf der anderen die Ruine einer Burg der Kölner Erzbischöfe (denen die Stadt bis zur französischen Revolution gehörte). Diese Burg also hatte nicht standgehalten. Ihre pittoreske Ruine sorgt seither für Transparenz im insgesamt eher engen Städtchen.

Andernach, alte Krahnen, SchnellstraßenbrückeAn der dritten Seite fließt der Rhein entlang. Daran steht der „Alte Krahnen“, ein Menschenkraft-betriebener Kran aus dem 16. Jahrhundert, mit dessen Hilfe noch bis zum Beginn des 20. Mühlsteine aus Eifelbasalt auf Schiffe verladen wurden.

Andernach, Pfeiler aus Julius Caesars RheinbrückeÜber den Rhein hatte wiederum schon Julius Caesar während seines Gallischen Krieges ganz in der Nähe eine provisorische Brücke schlagen lassen. Ein Pfeiler dieser Brücke zählt zu den Attraktionen des kleinen, preiswerten Andernacher Stadtmuseums.

Was zu den beiden Andernacher Museen indes nicht zählt: ein Bukowski-Museum. Das würde die in Bamberg ansässige Bukowski-Gesellschaft im Geburtshaus des amerikanischen Dichters bloß gern einrichten. Dort prangt nur eine (von derselben Gesellschaft initiierte) bereits Bukowski-gemäß versiffte Plakette mit dem Dichterkopf. Bukowski wurde anno 1920 als Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten (nach dem Ersten Weltkrieg) und der Einheimischen Katharina Fett in Andernach geboren. Mit drei Jahren zog er in die USA.

Andernach, Bukowski-GeburtshausEinmal aber noch kehrte Bukowski zurück. Bukowski-Kenner Detlef Schleiwies fasst für mich zusammen:

„Das war 1978 im Rahmen eines kurzen Europa-Trips (Mannheim, Hamburg, Paris). In der Hamburger Markthalle hat er gelesen, zum ersten und einzigen Mal in Deutschland. In Frankreich gabs einen gleichermaßen historischen Auftritt in einer TV-Show. Das Ganze ist niedergeschrieben und mit schönen Fotos begleitet in ‚Die Ochsentour‘. Jedenfalls besuchte ‚Hank‘ seinen 90-jährigen Onkel Heinrich Fett, den er wie folgt beschreibt:

‚Onkel Heinrich kam die Treppe heruntergestürzt, voll angezogen, mit geputzten Schuhen, Hosenträgern, allem… Er kam mit ziemlichen Tempo die Treppe runter; er wäre für 60 durchgegangen, sogar für 58, er war 90. Er stürzte ins Zimmer – ‚HENRY! HENRY! MEIN GOTT! ICH KANN’S EINFACH NICHT FASSEN! HENRY, DU BIST’S! NACH ALL DEN JAHREN? HENRY, DU BIST’S! – ‚Schön, dich zu sehen, Onkel Heinrich!‘ Wir umarmten uns… ‚

Onkel Heinrich verrät, dass er mit 60 Jahren das Rauchen aufgegeben hat, aber noch seine drei Glas Wein am Tag trinkt. Und dann trinken die beiden zusammen deutschen Weißwein, serviert von der 85-jährigen Louise, ‚Onkel Heinrichs Verhältnis seit 50 Jahren‘. Der olle Heinrich hat alle Bücher von Bukowski gelesen und er mag sie alle, bis auf ‚Fuck Machine‘. Ja, und dann besuchen sie noch Buks Geburtshaus, was bis vor kurzen noch ein Puff war, nun aber zum Verkauf stand.“

Das mit dem Puff könnte Erfindung sein, schließlich feilte Bukowski zu dieser Zeit sehr an seinem Image. Diese Info wird aber in der Folge „Bukowski und Müller-Thurgau auf Ochsentour“ der Weinreise-Kolumne „Nachgeschenkt“ auf merian.de bestätigt.

Fazit: Auf den ersten und auch den zweiten Blick ist in Andernach nicht ungeheuer viel los. Aber seit mindestens zweitausend Jahren war dort immer zumindest etwas los. Wenn man dann noch den „Vogelkopf von Andernach“ bemüht, der in Bonn als „eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit“ ausgestellt wird, gilt das schon seit schon gut 10.500 Jahren.

Andernach, Schilderwald

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