Unholde und -getüme (Merseburg)

Das Burgschloss mit angeschlossenem Dom in Merseburg in Sachsen-Anhalt ist solch ein vieltürmiges und -giebeliges Ungetüm, dass es (außer von oben) schwer zu überblicken ist.

Daher sind für Besucher ohne Drohne oder Hubschrauber spezielle Aussichtspunkte gut ausgeschildert. Das Ungetüm hat sichtlich eine laange Entstehungsgeschichte: Schon im ersten Jahrtausend, als die Saale, über der es auf dem Burgberg steht, die Siedlungsgrenze zwischen Franken und christianisierten Sachsen einerseits, „heidnischen“ Slawen andererseits bildete, war an seiner Stelle eine Königspfalz ottonischer und anderer Könige entstanden.

Später wurde anstelle der Pfalz ein dreiflügeliges Wohnschloss errichtet, in dem die um Reichsunmittelbarkeit bemühten Fürstbischöfe von Merseburg residierten, deren heutzutage bekanntester der bis 1514 lebende und amtierende Thilo von Trotha war. Schülern der Gegenwart wird er als „Merseburgs legendärer Kirchenfürst“ nahegebracht.
Unter anderem war dieser Thilo erster Kanzler der Uni Leipzig sowie (als Auftraggeber) Buchdruckpionier gewesen. Außerdem hatte er als vierten Schlossflügel den Übergang zum Dom erbauen lassen, der seither zum Gebäude-Komplex dazugehört.

In den beiden Jahrhunderten nach der Reformation, die solche Fürstbistümer verschwinden ließ, dienten Merseburg und sein Burgdomschloss dann noch insgesamt 81 Jahre lang also Sitz einer sächsischen Sekundogenitur, deren Herzöge sich um Unabhängigkeit von Dresden und August dem Starken bemühten.
Sie ließen im Dom eine Familiengruft errrichten, und in der Nähe einen barocken Schlossgarten mit Schlossgartensalon. Zu ihrem Hofstaat gehörten Musiker wie Johann Gottlieb Graun, der (später auch an Friedrichs des Großen Hof tätige) Bruder des etwas bekannteren Carl Heinrich, und die Hofbildhauer-Familie mit dem schönen Namen Hoppenhaupt.

Einiges, was diese anfertigte, etwa ein spektakuläres Spiegelkabinett, landete später in Berlin im (wegen seines unscheinbaren Namens unterschätzten) Kunstgewerbemuseum. Denn nach dem Wiener Kongress wurde Merseburg preußisch und Bezirksregierungs-Sitz. Im Jahr 1925, als Preußen sozusagen als Bundesland der Weimarer Republik ja noch bestand, bewohnte deren Präsident eine Etage des Burgschloss-Ostflügels, „in der auch das komplett verspiegelte Zimmer stand. Der Politiker beanspruchte das Zimmer für sich und zudem gab es keinen öffentlichen Zugang zu dem Kabinett … Trotz des enormen Widerstands in der Bevölkerung ließ er das Spiegelkabinett demontieren und nach Berlin bringen“, berichtete die „Mitteldeutsche Zeitung“ im April 2017, weil Merseburg dieses Spiegelkabinett gerne zurück hätte. Es bekommt es aber offenbar nicht.

Aus dieser langen Geschichte heraus hat Merseburg heute einiges attraktiv Gruseliges zu bieten.
Zum Beispiel im Dom „die älteste figürliche Grabplastik Mitteleuropas seit den Römern“ (Wikipedia) sowie eine mumifizierte, einst abgeschlagene Hand. Sie gehörte Rudolf von Rheinfelden oder Schwaben, dem noch unglücklicheren Gegenkönig des auch nicht gerade glücklichen deutschen Königs Heinrich IV.. In einer Schlacht anno 1080 „siegten zwar die Truppen des Gegenkönigs, doch wurde Rudolf von Schwaben die rechte Hand, die Schwurhand, abgeschlagen. Dies wertete die Gegenseite als Gottesurteil, zumal Herzog Rudolf wenig später in Merseburg an den Folgen seiner Verletzungen starb“ (merseburger-dom.de). Immerhin ging er mit einem Superlativ in die Geschichte ein, den ihm keiner mehr nehmen kann.

Gar der Kopf abgeschlagen wurde später angeblich einem Diener des erwähnten Thilo von Trotha, und das sogar nach spätmittelalterlich-frühneuzeitlicher Einschätzung zu Unrecht. Das erkannte Thilo, der nicht nur geklagt, sondern auch das Urteil gefällt hatte, allerdings erst zu spät – als „nach einer Gewitternacht … an einem der Türme des Schlosses die Dachverkleidung erneuert werden“ musste und „hoch oben … in einem Rabennest der Siegelring des Bischofs entdeckt“ wurde (trotha.de), dessen Diebstahl der Diener beschuldigt worden war. Diese Geschichte steckt jedenfalls hinter dem Rabenkäfig, der vor dem Merseburger Burgschloss mit steinernen und echten Raben Touristen, aber auch Zerstörer (noch mal „Mitteldeutsche“) anlockt. Sie ist wohl eher legendär als wahr, zeigt aber immerhin, dass nicht alles gold war in den Zeiten alter Fürsten, die nach der Feudalismus-Kritik in der DDR inzwischen gern wieder als lokale Lichtgestalten hofiert werden.

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Eine leicht morbides Flair umgibt dieses Merseburg also. Es empfängt seine Besucher sogar gleich im Bahnhof damit. Dort, wo immerhin, anders als in vielen anderen Bahnhöfen, noch Geschäftsbetrieb läuft) steht das bedeutendste und, nicht zuletzt durch Mittelalterrocker-Vertonungen weiterhin bekannteste Element Merseburger Ruhms auszugsweise an die Wand geschrieben.

Die sogenannten Merseburger Zaubersprüche wurden vom Historiker Georg Waitz in einem althochdeutsch-lateinischen „Fränkischen Taufbekenntniss“ („Forsahhistu unholdum? – ih fursahu …“) des 9./10. Jahrhunderts entdeckt. In dieser christlichen Handschrift waren die sächsisch-heidnischen, unter anderem an Wodan gerichteten Verse enthalten, weil offenbar ihre Rückseite in Zeiten der Pergament-Knappheit neu und christlich beschrieben worden war. Insofern waren sie geut versteckt und scheinen übersehen worden zu sein, als Karls des Großen weniger großer Sohn Ludwig der Fromme all die heidnischen Zeugnisse zu zerstören befohlen hatte, die sein Vater noch hatte sammeln lassen. Waitz also schickte seinen Fund gleich in die preußische Hauptstadt Berlin, wo im selben Jahr der nach dem „Göttinger-Sieben“-Streit aus Göttingen ausgewiesene Professor Jacob Grimm angekommen war, der gerade die germanistische Sprachwissenschaft mit begründete. Grimm behandelte die Merseburger Sprüche in seiner gespannt erwarteten Antrittsvorlesung, so dass sie ziemlich nachhaltig berühmt wurden.

Diese Geschichte der Zaubersprüche-Wiederentdeckung nach circa tausendjähriger Ruhe (um die es auch im sehenswerten kulturhistorischen Museum geht, das das Burgschloss heute enthält) ereignete sich anno 1841. Das heißt: Merseburg ist also so alt, dass selbst die spektakuläre Entdeckungsgeschichte noch spektakulärerer Altertümer schon wieder ein interessanter Bestandteil ziemlich alter Geschichte ist.

Das tröstet vielleicht darüber hinweg, dass die Stadt in der Gegenwart wie viele kleinere Städte Sachsen-Anhalts nicht zu den allerblühendsten deutschen Landschaften gehört (auch wenn gleich südlich jenes Leuna liegt, um das sich seit der späten Kohl-Ära auch interessante Geschichten ranken …)

 

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