Wissenswertes über Wissen

Wissen, Schloss SchönsteinNeulich schon ging es hier kurz um die Stadt mit dem attraktiven Namen Wissen. Sollte der Zusammenhang leicht geringschätzig gewirkt haben: Das war nicht so gemeint. In der Stadt im nördlichsten Zipfel von Rheinland-Pfalz, deren Bürgermeister Besucher im Internet mit „Schön, dass Sie ‚Lust auf Wissen‘ haben“ begrüßt, ist es ebenfalls besser.

Wissen, unterm imposanten RegiobahnhofWissen empfängt per Bahn angereiste Besucher also auf einem extravaganten Regiobahnhof „mit Tonnengewölbe-Dach und aufgeständertem Parkdeck“ aus Massivbeton,  der außer Parkplätzen auch schnellen Anschluss nach Köln und Siegen bietet. Auch Wissen liegt an der Sieg, und dass es sich nicht „Wissen im Siegerland“ nennt, was ja einer der allerattraktivst klingenden Ortsnamen überhaupt wäre, sondern vom „schönen Wisserland“ spricht, zeugt von angenehmer Bescheidenheit.

Wissen, KreuzerhöhungskircheDie Haupt-Sehenswürdigkeit des Ortskerns ist die Kreuzerhöhungskirche. Der Platz davor wird „Halber Mond“ oder „Halbmond“ (z.B. auf der Sehenswürdigkeits-Seite von wissen.eu, weit unten, weil es um viele eingemeindete Dörfer geht …) genannt, weil die drumherum stehenden, oft schiefernen Wohnhäuser ein halbes Oval bilden. Das deutet an, dass es sich um einen sehr alten Kirchen-Standort handelt. Der heute dort stehende Bau entstand erst 1912, ist in Teilen aber Jahrhunderte älter. Drinnen lässt sich die Ausmalung durch einen Spätnazarener ansehen: Peter Hecker schuf sie 1928 bis 1931, was zeigt, dass die 19.-Jahrhundert-Kunstrichtung der Nazarener noch bis kurz vor der Nazizeit gepflegt wurde. Die Kirche ist katholisch, weil Wissen territorial immer zu Kurköln gehörte, also den (in Bonn und Brühl residierenden) Kölner Erzbischöfen .

Wissen, Halbmond vor der KircheSpektakulärer ist die Siegerländer Bergbautradition, derentwegen der Bürgermeister sein oben erwähntes Grußwort „mit einem herzlichen ‚Glück auf'“ abschließt. Auch die Tradition selbst ist abgeschlossen.  Nur die Veranstaltungshalle namens Kulturwerk Wissen zeugt noch davon. Es handelt sich um ein stillgelegtes Weißblechwerk-Walzwerk.

Wissen, Kulturwerk hinter Parkbahnhof-Auffahrt

Ex-Walzwerk hinter Parkbahnhof-Auffahrt

Dahinter steckt eine wechselvolle Geschichte, in der es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lange bergab ging, „sodass Mitte der sechziger Jahre das letzte Bergwerk im Wisserland schloss. Im Jahre 1993 wurde auch das einst größte Stahlwerk Europas, das zu Spitzenzeiten mehr als 2.500 Arbeiter beschäftigte, stillgelegt“ (wiederum wissen.eu). Während des Niedergangs waren die Werke mehrfach verkauft worden, zuletzt an Thyssen.

Wissen, Übersicht zur Walzwerke-Geschichte

Walzwerke-Geschichte (zum Vergrößern bitte klicken)

Eines der Walzwerke, das Warmwalzwerk, wurde dann 1988 nach China demontiert, während das Kaltwalzwerk noch bis in die 1990er walzte.

Falls Sie nun denken, in Wissen gäbe es keine Industrie mehr: Doch, natürlich, „namhafte ortsansässige Firmen, die im Bereich der Schweißmaschinentechnik und des Containerbaus europaweit tätig sind“, arbeiten schon noch dort, informiert die städtische Webseite. Beispielsweise wird in Wissen die „Widerstandsschweißtechnik“ hochgehalten.

Wissen, Elbbach

Nicht zu verwechseln mit dem Elbfluss bei Dresden, Hamburg usw.

Und falls Sie denken, wenn Wissen immer dem Kölner Kurfürsten gehört hat, ist es eine der wenigen deutschen Städte, die niemals Hauptstadt eines Territoriums waren: Jein.

Weiter östlich, wo der Elbbach in die Sieg mündet, liegt der Stadtteil Schönstein, in dem sich die pittoreske (Ex-)Wasserburg Schloss Schönstein (siehe Foto ganz oben) befindet.

Sie ist von innen nicht besichtigbar, weil bewohnt und Sitz der Hatzfeldt-Wildenburg´schen Verwaltung, aber in der Vorburg und im Hof kann man sich umsehen und ansatzweise in die enorm verstrickte Geschichte der Hatzfelder eintauchen.  Diese Sippe kam ursprünglich aus der gleichnamigen Stadt im heutigen Hessen, erwarb im Lauf der Jahrhunderte viel kleine Ländereien zwischen der Eifel und Schlesien und stieg so von Herren und Rittern zu Freiherren und Reichsgrafen auf. Zu ihrer wichtigsten, weil reichsunmittelbaren Länderei wurde das Wildenburger Land auf der Wissen gegenüberliegenden Seite der Sieg. Solche „Reichsunmittelbarkeit“ bedeutete im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (HRR), dass Fürsten nur dem Kaiser untertan und seit 1648 quasi souverän waren, und galt schon damals als wichtiges Statussymbol. Seit dem Ende des Feudalismus zählen sich Familien, deren Vorfahren es erreicht hatten, für welch kleines Ländchen auch immer, zum „Hochadel“.

Wissen, Blick auf Schloss Schönstein im WesterwaldWeil es in diesem Wildenburger Land allerdings gar keine echten Städte gab, bemühten sich die Hatzfeld-Wildenburger darum, vom Kölner Kurfürsten Wissen als nicht-reichsunmittelbares, aber praktisches Lehen zu bekommen, was 1589 gelang. Sie residierten dann vor allem in Schönstein und bauten die Burg zum (vergleichsweise bescheidenen) Schloss um, wobei mittelalterliches Mauerwerk noch erhalten blieb. Und Wissen kann sozusagen auch einen Ex-Hauptstadt-Status reklamieren.

Ein besichtigbares Bauwerk aus dieser Epoche ist die Heisterkapelle in oder über Wissen-Schönstein, die zwar nicht so alt ist, wie der Namenszusatz „St. Sebastianus-Schützenbruderschaft 1402“ suggeriert, aber immerhin im Jahre 1718 durch den Reichsfreiherrn Hermann von Hatzfeld in Auftrag gegeben wurde. Sie bietet einen schönen Blick aufs schöne Wisserland bzw. den Westerwald. Kurzum: Nicht auch mal nach Wissen an der Sieg zu fahren, besteht eigentlich kein Grund.

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