Zwei ziemlich deutsche Gründe, aus denen es die Stadt Rheydt nicht mehr gibt

Interessante Vögel am Schloss RheydtViele Städte sind durch Eingemeindungen aus dem überregionalen Bewusstsein weitgehend verschwunden. Sobald sie Stadtteil einer anderen Stadt sind, tauchen sie vor allem noch in lokalen Zusammenhängen auf. Solch ein Stadtteil ist Rheydt am Niederrhein.

Rheydt existiert eigenständig eigentlich nur noch auf den Schildern seines Hauptbahnhofs –  vermutlich schon deshalb, weil der offiziell vollständige Name auf solche Schilder überhaupt nicht passen würde …

Genau genommen ist Rheydt in seine nördliche Nachbarstadt sogar besonders gründlich eingemeindet worden, nämlich zweimal. Das hängt mit zwei sehr deutschen Geschichten zusammen. 1929 fand im damals preußischen Rheinland eine weitreichende Kommunalreform statt, durch die zum Beispiel auch aus zwei jeweils völlig anders heißenden Städten die neue Stadt Wuppertal entstanden ist. Damals verlor Rheydt zum ersten Mal seine Eigenständigkeit – obwohl es sich zwischen ihm und seiner Nachbarstadt so verhielt, wie zwischen Elberfeld und Barmen (die dann Wuppertal bildeten) und überhaupt vielen benachbarten Städten in Deutschland, damals wie heute: Ihre Bewohner mochten einander eher nicht.

Rathaus am Rheydter Marktplatz Kirche am Rheydter MarktplatzWie häufig, hing das mit unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen über Jahrhunderte und mit konfessionellen Gründen zusammen. Die Rheydter waren eher protestantisch geprägt, die Bürger der Nachbarstadt eher katholisch. Rheydt hatte erst 1856 Stadtrechte bekommen und gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts dann seine Innenstadt pompös ausgebaut.

Der Turm des neogotischen Rathauses aus den 1890er Jahren und der der neoromanischen, evangelischen Kirche aus den 1900ern schräg gegenüber zeugen noch heute vom Bürgerstolz der damals noch jungen Stadt. Und gemeinsam ergeben die beiden Bauten am Rande des Marktplatzes (der seinem Namen insofern Ehre macht, als dass darauf wirklich viel Platz ist), einen interessanten Effekt: Im Zusammenspiel wirken die eigentlich asymmetrischen Türme auf einmal doch symmetrisch. Der allereindrucksvollste historistische Turm im Rheydter Zentrum ist jedoch der der ehemaligen Hauptpost (die immer noch eine Postfiliale beherbergt).

Was Rheydt dazu verhalf, rasch wieder eigenständig zu werden: dass in einer damals in den 1920ern gerade sehr populär werdenden politischen Partei ein gebürtiger Rheydter eine wichtige Rolle spielte.

Kaum dass die NSDAP die Macht übernommen hatte, setzte Joseph Goebbels durch, dass Rheydt wieder selbstständig wurde. Der Reichspropagandaminister wurde zum Ehrenbürger ernannt und besuchte seine Heimatstadt bis 1942 ziemlich oft. Vielleicht wollte er das schöne Barockschloss ganz am damaligen wie heutigen Stadtrand zum Reichsgästehaus umbauen lassen, vielleicht wollte die Stadt es ihm schenken. Das scheint nicht ganz klar.

Schloss RheydtIm Lauf des „Totalen Kriegs“, den Goebbels selbst ja am schauerlichsten ausgerufen hatte, wurde Rheydt ziemlich total zerstört. Darüber, wie überhaupt über die wechselvolle Geschichte, informiert das im Schloss heutzutage untergebrachte Museum.

Nach dem Krieg blieb Rheydt bis zur großen Kommunalreform in Nordrhein-Westfalen ab den späten 1960er Jahren selbstständig. Dann war es um seine Eigenständigkeit geschehen; mit dem Düsseldorf-Gesetz von 1974 wurde es eingemeindet. Und obwohl Rheydt damals alleine mehr als 100.000 Einwohner zählte, also sich eigentlich selbst schon „Großstadt“ hätte nennen können, soll das die am wenigsten umstrittene Maßnahme der in ganz NRW wiederum heftig umstrittenen Reform gewesen sein.

Schließlich war Rheydt schon mal kurz eingemeindet gewesen und der Eigenständigkeits-Gedanke auch aus der Nazizeit diskreditiert. Andererseits sprach aber auch der Grund dafür, nicht viel dagegen zu haben, aus dem vermutlich die meisten Deutschen schnell auf Eigenständigkeit ihrer Heimatgemeinde verzichten würden. Wer würde nicht gerne „Wir sind Deutscher Meister!“ sagen können? Die Rheydter konnten gleich damit anfangen. Denn die Nachbarstadt, deren Namen Rheydt seither offiziell trägt, heißt Mönchengladbach, und ihr Fußballverein „legte in der Saison 1974/75 den Grundstein für eine bis dahin in der Bundesliga nicht gekannte Erfolgsserie“ (Wikipedia). So erfolgreich wie in den 1970ern war die Borussia seitdem nicht mehr.

Pfau am Schloss in RheydtDas Schloss am Stadtrand von Rheydt ist nun sozusagen das Stadt-Museum für Gesamt-Mönchengladbach. Sehenswert ist es nicht nur, weil es innen ziemlich vielfältig ist, sondern auch schon, weil es außen im Park und am Wassergraben, der es umgibt, von schön anzusehenden Vögeln bevölkert wird. Es liegt in einer Park- und dann Waldgegend, wie man sie in den weniger reizvollen Stadtkernen (Rheydts wie auch Gladbachs) nicht unbedingt erwarten würde.

die NiersDas Flüsschen, das hindurch fließt, heißt Niers. Irgendwo soll der noch deutlich kleinere Gladbach, der dem einst katholisch geprägten Mönchen-Gladbach den Namen gab, hinein münden. Wer der Niers nach Norden folgt, sie dann aber überquert und nach rechts in die nächste Ortschaft geht, landet dagegen in Korschenbroich.

Berti Vogts' Fußballschuhe im Museum RheydtDieser Ort hat relative Bekanntheit vor allem als Wohnort eines Gladbacher Fußballers und auch später für den deutschen Fußball verdienstvollen Trainers undsoweiter erlangt. Dass Berti Vogts, der „Terrier aus Korschenbroich“, immer noch der letzte Bundestrainer ist, der mit einer deutschen Nationalmannschaft Europameister wurde, verdient auch noch mal kurz erwähnt zu werden.

Korschenbroich ist übrigens weiterhin eine eigenständige Stadt.

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Korschenbroich

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2 Kommentare zu Zwei ziemlich deutsche Gründe, aus denen es die Stadt Rheydt nicht mehr gibt

  1. Goldener Rheydter sagt:

    Über Goebels und seine Heimatstadt. gabs mal eine eigentlich ziemlich gute Kino-Doku von Lutz Hachmeister…

    • ueberallistesbesser.de sagt:

      Stimmt, das „Goebbels-Experiment“ (vgl. Wikipedia). Dazu hatte ich keinen richtig guten Link gefunden (bzw wollte ich’s nicht zu kompliziert machen), daher hatte ich das nicht erwähnt.

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