An der schönen ockerfarbenen Spree (Spremberg)

Wer mit der Bahn nach Spremberg fährt, was von Berlin via Cottbus gut geht, könnte erst mal in getragene Stimmung geraten.

Der schönste Weg in die Innenstadt führt über den Georgenberg, der Grabmale, Friedhöfe und Gedenkstätten mehrerer Jahrhunderte enthält. Gleich neben dem Bismarckturm, beschriftet mit dem Spruch „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“ (der ein Reichskanzler-Zitat nicht unmartialisch verkürzt), liegen ein typischer Gefallenen-Friedhof der Roten Armee und einer für unbekannte wie namentlich bekannte deutsche Soldaten. Und an die im 15. Jahrhundert oder noch sogar früher erbaute, in den 1970er Jahren abgerissene St. Georgen-Kapelle erinnert: ein Haufen Steine …

Vor allem ist der Georgenberg aber ein schöner Englischer-Garten-artiger Stadtpark, der zwischen viel Grün hindurch auch Blicke hinab auf die Stadt gestattet. Dass Spremberg auf einer Spree-Insel liegt (und daher seinen Namen trägt), sieht man aber erst im Tal.

Rauschend und beige- oder ockerfarben umfließt die Spree in zwei Armen die Innenstadt. Die Farbe hat sie vom hohen Eisengehalt durch die Lausitzer Braunkohleförderung (die Spremberg derzeit häufiger in die überregionalen Medien bringt). Richtig schön finden die Spremberger die ungewöhnliche Farbe nicht. Immerhin lässt sie backsteinrote Neogotik-Gebäude schön leuchten – wie das ehemalige Mädchengymnasium, das inzwischen als Berufsorientierende Oberschule dient. Anno 1926/ 27 wohnte als Junge dort „beim Hausmeister in der Kellerwohnung“ Sprembergs local hero: der Schriftsteller Erwin Strittmatter.

Die Schule, auf die Erwin seinerzeit ging, war natürlich nicht das Mädchen-Gymnasium, sondern das, das heute Erwin-Strittmatter-Gymnasium heißt. In Spremberg folgt ein Strittmatter-Pfad den Spuren des Autors. Und das Niederlausitzer Museum widmet ihm eine Abteilung, die außer Gegenständen und seinen in viele Sprachen übersetzten Romane auch die Ambivalenzen seines Lebens zeigt: Anfang 1945 war Strittmatter als Wehrmachtssoldat desertiert, zuvor in der Nazizeit aber Mitglied einer SS-Gebirgsjäger-Einheit gewesen, was wiederum später in der DDR, in der er zum schließlich fünffachen Nationalpreis-Träger aufstieg, geheimgehalten wurde. Spätestens die ARD-Verfilmung seiner autobiografischen Roman-Trilogie „Der Laden“ machte ihn 1998 bundesweit bekannt – und könnte topaktuell zur Diskussion einladen, ob ostdeutsche Perspektiven denn im heutigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausreichend vorkommen. (Der „Loaden“ selbst lässt sich übrigens im gut zwölf Kilometer entfernten Bohsdorf besichtigen.)

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Heinrich von Sachsen-Merseburg-Spremberg auf einem Gemälde von Willy Thor Buder im Niederlausitz-Museum

Wo einst Strittmatters Geburtshaus stand, steht nun ein Nachkriegs-Neubau mit Erinnerungstafel dran. Wie die hohe Zahl sowjetischer Soldatengräber schon ahnen ließ, wurde Spremberg am Ende des Zweiten Weltkriegs stark umkämpft und ziemlich zerstört. Was aus lange zurückliegenden Jahrhunderten stehen blieb, ist das Schloss, das nun unter anderem das Museum enthält und in seiner Rustikalität gut zeigt, wie aus einer deutlich älteren Wasserburg entstanden ist. Zur vierflügeligen Residenz ausgebaut wurde diese, als Spremberg zwischenzeitlich zur Hauptstadt eines teil-eigenständigen Fürstentümchens avancierte, das von einer Nebenlinie des Herzogtums Sachsen-Merseburg regiert wurde (in dem wiederum eine Nebenlinie des Kurfürstentums Sachsen herrschte, dessen hauptsächlicher Herrscher seinerzeit August der Starke, König von Polen war …). Heinrich von Sachsen-Merseburg-Spremberg half beim Wiederaufbau nach dem großen Stadtbrand 1705 aus. Dem Merseburger Hofbaumeister- und -bildhauer mit dem schönen Namen Johann Michael Hoppenhaupt ist der weithin sichtbare, ungewöhnlich achteckige Kirchturmaufsatz zu verdanken.

Und dass gleich neben der backsteinroten großen Hallenkirche noch ein weiterer Kirchen-Bau steht, ein weißer klassizistischer aus den 1830er Jahren, der nach Plänen des preußischen Staatsbaumeisters Karl Friedrich Schinkel entstand, verweist auf eine weitere Besonderheit der Lausitz: Es handelt sich um die Wendische Kirche, in der lange Zeit in sorbischer Sprache gepredigt wurde. Seit 1966 dient sie als Gemeindehaus der Kirche nebenan.

Das Sorbische wird in Spremberg weiterhin hoch gehalten, wie schon der Doppelname Spremberg/ Grodk auf den Schildern am Bahnhof und das „Der Laden“-Zitat zeigen, das den Wikipedia-Eintrag einleitet: „Grodk liegt im Tale, sagen die Sorben. Spremberg liegt am Berge, sagen die Deutschen. Spree am Berg gleich Spremberg. Grodk gleich Stadt, sagen die Sorben, wir sein länger hier wie die Deitschen.“ Für unterschiedliche, jeweils spannende Sichtweisen und Blickwinkel ist dieses Spremberg ein ziemlich guter Ort.

Dieser Text entstand mit freundlicher Unterstützung der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH.

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