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Was Neuwied mit Albanien verbindet

Neuwied, Kanonen vorm Schlossportal In den derzeit gern gelesenen Darstellungen des Ersten Weltkriegs als des „komplexesten Ereignisses womöglich aller Zeiten“ (Christopher Clark) eine Statistenrolle ganz im Hintergrund spielt das sehr kurzlebige Fürstentum Albanien. Es entstand 1913, beherbergte seinen frischgebackenen Fürsten allerdings nicht einmal sechs Monate lang im darauffolgenden Jahr. Wo man etwas mehr über die Hintergründe erfährt: auf einer Texttafel vor dem Schloss von Neuwied – auch wenn dieses für die Öffentlichkeit (Kunden der Wildkammer ausgenommen…) nicht geöffnet ist.

Neuwied, Texttafel vorm Schlossportal
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Denn aus diesem Barockschloss kam der einzige regierende Fürst Albaniens. „Die europäischen Großmächte Österreich-Ungarn, Italien, Rußland, Frankreich, England und Deutschland … entschieden sich unter Ablehnung von 19 Bewerbern für Prinz Wilhelm zu Wied als Fürsten des neugebildeten Staates Albanien. Prinz Wilhelm musste gedrängt werden. Er übernahm die Aufgabe am 21.2.1914 im Vertrauen auf die Garantieerklärungen der sechs Großmächte. An der zugesagten Unterstützung fehlte es…“, steht dort unter vielem anderen. Als er das Land, das er am 7. März betreten hatte, am 3. September 1914 wieder verließ, lief der Erste Weltkrieg bereits, der im benachbarten Serbien bekanntlich begonnen hatte. Wobei übrigens die albanischen Staatsgrenzen heute noch dort verlaufen, wo sie 1913 entstanden.

Neuwied, SchlossportalUm Texttafeln zu lesen, braucht man natürlich nicht nach Neuwied zu reisen; eine ausführlichere Darstellung der Albanien-Sache gibt es etwa noch auf der Webseite zuwied.de. Interessant etwa die von Wilhelms Namensvetter, dem letzten deutschen Kaiser, angeblich ausgesprochene Warnung „Daß Du mir ja nicht auf den Unsinn mit Albanien hereinfällst.“ Ein Abstecher in die rheinland-pfälzische Rheinstadt kann sich dennoch lohnen, denn Neuwied hat – fast wie Albanien, das im späteren Verlauf des 20. Jahrhundersts u.v.a. noch vom letzten italienischen König sowie vom „Grossen und ruhmvollen Führer der PPSH“, Enver Hodscha (enver-hoxha.net) regiert worden ist -, eine überregional weithin unbekannte, jedoch interessant verwickelte Geschichte.

Neuwied, Tür der (ehemaligen) MennonitenkircheDas Stadtbild zeugt schon gleich gegenüber des Schlosses davon. Die Mennonitenkirche dient inzwischen zwar als Stadtgalerie, ihr Name deutet aber an, warum die Stadtb gern mit dem Slogan „Tolerant. Lebendig“ für sich wirbt. Die Fürsten von Wied-Neuwied hatten im 17. Jahrhundert, nachdem sie ihre neue Residenzstadt gegründet hatten, zunächst Probleme, sie zu bevölkern. Zehn Jahre nach Gründung, 1662, hätten erst zehn Häuser dort gestanden, heißt es in der Broschüre „Freiheit und Toleranz“. Daher erließ der Graf ein Stadtrechtsprivileg, das für damalige Verhältnisse vielen Religionsgruppen „freie Ausübung der Religion in Ihren Häusern ohne jedwede Störung“ zusicherte und Gruppierungen wie die Mennoniten und ab 1750 die Herrnhuter Brüdergemeine anzog. Der von letzterer bewohnte Häuserblock zeigt noch, wie dass Neuwied als schachbrettartige barocke Planstadt mit schnurgeraden Straßen angelegt worden ist.

Neuwied, Deich am Rhein Neuwied, Deich am Rhein 2Der Grund, aus dem es nicht ganz leicht war, Einwohner dorthin zu lotsen, zeigt sich ebenfalls im heutigen Stadtbild: Die Stadt lag und liegt nur 60 m über Normalhöhennull – schlecht an einem großen Fluss, der regelmäßig über die Ufer tritt, zumal diese seinerzeit noch kaum befestigt waren. Die höher liegenden Ortschaften Irlich im Norden und Engers im Süden, heute beide eingemeindet, gehörten schon wieder zum Territorium der Trierer Kurfürsten und Bischöfe. Das „Wasserloch“ war die einzige Besitzung der Wieder Grafen, die am Rhein lag, der damals wichtigsten, Einwohnern Wohlstand versprechenden Handelsroute. Die einzige Deichstadt am Rhein, als die es sich heute auch bezeichnet, ist Neuwied erst seit den 1920er Jahren. Trotz der bis dahin häufigen heftigen Überschwemmungen und ebenfalls nicht seltener Zerstörungen vor allem durch französische Armeen entwickelte sich die Stadt.

Neuwied, Herrnhuter-ViertelDas lag auch daran, dass anderswo vertriebene protestantische Minderheiten dort, wo sie toleriert wurden, häufig jene Arten von Arbeitsethos ausprägten, in denen Max Weber später den Geist des Kapitalismus erkannte. Nach dem bekanntesten Neuwieder Herrnhuter ist heute das Stadtmuseum benannt: Das Roentgenmuseum gilt nicht dem Erfinder der gleichnamigen Strahlen (dessen Museum steht in Remscheid-Lennep), sondern dem Ebenisten, also Kunsttischler David Roentgen. Die Drehsessel und die mechanischen Multifunktions-Tische mit Geheimfächern aus seiner Neuwieder Manufaktur sind wirklich sehenswert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden sie nicht bloß bis nach Berlin und Paris verkauft; die größte Sammlung von Roentgenmöbeln sei heute in St. Petersburg zu sehen, wohin sich die russische Zarin Katharina die Große vieles bestellt hatte, wissen die eingangs erwähnten Texttafeln vorm Schloss. Roentgens schönster Titel jedoch war wohl der des „Ebeniste Mecanicien du Roi et de la Reine“, der französischen Königin Marie-Antoinette.

Neuwied, gegenüber dem SchlossDass Marie-Antoinette heute für ihren exquisiten Geschmack allenfalls noch mittelbar berühmt ist (das vermeintliche Brot/ Kuchen-Zitat halt…), sondern eher wegen ihrer Guillotinierung, zeigt schon, dass auch diese Neuwieder Blütephase bald endete. 1784 war die Grafschaft Wied erst endgültig reichsunmittelbar geworden, während die Grafen vorher zumindest theoretisch unter der Lehensherrschaft der Kurpfälzer Kurfürsten standen. 1792, kurz nach der französischen Revolution, musste Roentgens Manufaktur schließen, weil der Spätabsolutismus, aus dessen Elite seine kaufkräftige Zielgruppe stammte, vorbei war und insbesondere am Rhein wieder viele Kriege wüteten. Nach der Napoleonszeit wurde Neuwied preußisch. In dieser Zeit ging es auch mit der „außergewöhnlichen Pressefreiheit“ vorbei, die die Stadt zuvor zur „Informations-Drehscheibe für ganz Mitteleuropa“ gemacht habe, wie es zumindest ein neues Neuwieder Büchlein postuliert. Die alten Wieder Fürsten übten noch bestimmte standesherrliche Rechte aus (zumindest in den Oberschichten war der Feudalismus enorm differenziert…), bis sie 1846 wegen „zu hoher Kosten bei gleichzeitig zu niedrigen Einnahmen“ (Wikipedia) darauf verzichteten. Was auch heißt, dass sie zur Zeit von Wilhelm zu Wieds Albanien-Abenteuer schon lange sämtlichen Regierungsgeschäften entwöhnt waren.

Übrigens sieht es auf einigen der schnurgeraden Neuwieder Straße aus, als stünde am Ende der Straße ein Atomkraftwerk. Was man sieht, ist aber das auf der anderen, linken Rheinseite stehende und schon 1988 wieder stillgelegte AKW Mülheim-Kärlich.

Neuwied, kein AKW am Ende der Straße

2 Kommentare

  1. Es war eine wundervolle Stadt, die Bilder, die man im Netz findet, täuschen jeden Betrachter. Ich war geschockt, als ich die Stadt wiedergesehen habe. Sie ist heruntergekommen wie nie zuvor. Furchtbar.

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